Flucht vor der muslimischen Identität

Geächtet von Ayad Akhtar umkreist die Frage der Identität vor dem Hintergrund von Islam, Judentum und deren Position in der westlichen Gesellschaft. 

Nach dem Wiener Burgtheater hatte das mit dem Pulitzerpreis 2013 ausgezeichnete Stück Geächtet des pakistanisch-amerikanischen Autors und Schauspielers Ayad Akhtar gestern auch am Grazer Schauspielhaus Premiere. Beide Inszenierungen halten die Bühne ganz in weiß. Was in Wien konkret zu sehen ist – eine kühl-moderne New Yorker Wohnung, ist in Graz abstrahiert: Weiße Quader in verschiedenen Größen ragen als Plattformen aus der weißen Wand und stehen am Boden. Der Raum ist eng und nahe ans Publikum gerückt, nutzt nur einen kleinen Teil der Bühnenfläche und wirkt immer beklemmender, je mehr die Lage im Stück eskaliert.

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Emily (Evamaria Salcher) und Amir (Benedikt Greiner), Isaac (Florian Köhler) und Jory (Mercy Dorcas Otieno) (Foto: Lupi Spuma)

Die Herkunft ablegen

Vom Islam will der junge pakistanischstämmige Anwalt Amir (Benedikt Greiner) nichts wissen. Sein Leben steht im Zeichen der Assimilation – er hat seinen Vornamen Mohammed abgelegt, eine Amerikanerin geheiratet und macht Karriere. Ausgerechnet seine Frau Emily (Evamaria Salcher) will vom Islam aber sehr wohl etwas wissen. „Habe ich als westliche Künstlerin nicht das Recht, die islamische Formensprache zu benutzen?“ Sie ist fasziniert von dieser anderen Welt, träumt von fernen Landschaften und arabischen Klängen. Es ist als stehe die muslimische Identität, der Amir sich verweigert und die Emily anziehend findet, zwischen ihnen. „Du fehlst mir“, bringt Emily den Zustand ihrer Ehe auf den Punkt. Amir hat aber ganz andere Sorgen: Sein Ruf als Anwalt ist in Gefahr, weil ein Bericht in der New York Times glauben machen ließ, er vertrete einen Imam, der islamistische Terroristen unterstützt haben soll. Da wundert es kaum, dass Emily sich zum Kunstkurator Isaac hingezogen fühlt, der Arbeiten von ihr in seiner Ausstellung zeigen will. Er und seine afroamerikanische Ehefrau Jory (Mercy Dorcas Otieno), eine Arbeitskollegin von Amir, sind das zweite Paar dieses Stücks. Isaac hat kein Problem mit seiner jüdischen Herkunft. Florian Köhler spielt in als überspitzten, fachsimpelnden Freak mit blonder Fönfrisur, leicht suffisant belächelt von seiner erfolgreichen Ehefrau.
Die Bühne von Stephan Mannteuffel bietet mit den Plattformen an der Wand einen kargen und daher umso wirkungsvolleren Interaktionsraum auf verschiedenen Ebenen, den die vier Figuren beim gemeinsamen Abendessen ausnutzen, um zusammenzukommen, sich wieder zu entfernen und Beobachterpositionen einzunehmen. Videoeinspielungen an der Rückwand zeigen Großaufnahmen der Gesichter und Szenen aus dem Krieg im Nahen Osten. Die Bildkraft der Inszenierung von Volker Hesse ist dementsprechend gewaltig. Es geht um die Perspektiven und Projektionen in der Auseinandersetzung mit Vorurteilen und auf der Suche nach der eigenen Position.

Aufgestautes und Unterdrücktes

Das Konfliktpotenzial des Stückes liegt in der Leugnung, im Aufgestauten und Unterdrückten, das Amir in sich trägt. Es zeigt sich auch an seinem Freund Abe (Pascal Goffin), vormals Hussein und ebenfalls nach der Namensänderung erfolgreich geworden. Seine wichtige Rolle erschließt sich allerdings zu spät. Er kommt zunächst kaum vor, erst gegen Ende tritt er in einem starken Dialog mit Amir ins Zentrum. Es geht um die Position der Muslime in der westlichen Gesellschaft. Während Amir dem Islam gegenüber Hass empfindet, weil er mit dem Westen nicht kompatibel scheint und rückständig sei, empfindet Abe Trauer über den Verlust seiner Identität und die vielerorts vorherrschende Missachtung den Muslimen gegenüber. „Sie haben uns geächtet!“, ruft er.
Benedikt Greiner ist als Amir desperat und gehetzt. Bei unterdrückten Emotionen und Problemen tritt irgendwann das Unausweichliche ein: Sie brechen hervor. Das geschieht beim gemeinsamen Abendessen der beiden Paare, als sich herausstellt, dass Jory anstatt Amir befördert wird und als Emily und Isaac sich küssen. Amir rastet aus und vergreift sich an seiner Frau. Die Szene ist schockierend, dumpfe Schläge des Kopfes gegen die Wand. Er reagiert genau so, wie es das Vorurteil über den Umgang muslimischer Männer mit ihren Ehefrauen besagt.
Geächtet zeigt eindrücklich, wie zentral religiöse Positionen auch in der modernen, aufgeklärten Welt noch sein können und wie sehr es Menschen zermürbt, wenn sie innerlich mit sich selbst zerstritten sind.

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