Die Welt als Schachbrett

Chess – Das Musical – Opernhaus Graz, 13. Jänner 2017

Zwei Kontrahenten, zwei Schauplätze und zwei große Leidenschaften: Die Dichotomie des Schachspiels zieht sich wie ein roter Faden durch das Musical „Chess“.

Ein Musiktheater über den kalten Krieg. Kann das funktionieren? Benny Anderson, Björn Ulvaeus (ABBA) und Tim Rice verwandelten die Schachweltmeisterschaft 1979 zu einem Austragungsort sowjetischer und amerikanischer Rivalität.

Im ersten Akt treffen die Gegner Frederick Trumper und Anatoly Sergievsky im Südtiroler Städtchen Merano aufeinander. Die bunten Trachten und prall gefüllten Geschenkkörbe der Einheimischen sind eine Augenweide. Nur ein Punk mit feuerrotem Haarkamm tanzt aus der Reihe: Er wedelt entschlossen mit der Roten Fahne, einem Symbol für Kommunismus. Rasch versteht das Publikum, was im weiteren Verlauf gesungen wird: „Das Spiel ist größer als seine Spieler.“

photowerk_og_chess_hpi_lores_007-880x586Foto: (c) Werner Kmetitsch

Von imposanter Größe ist auch das Bühnenbild an diesem Abend. Die Quadrate des Schachbretts werden in leuchtenden Farben auf die Bühnenwand projiziert. Dieser überdimensionale Rahmen lässt die Spieler zu einflusslosen Figuren der Weltmächte schrumpfen.

Doch deren charismatische Charaktere bilden einen starken Kontrast zur Weltpolitik. Frederick Trumper (genial: Marc Lamberty) überzeugt mit seiner Strahlkraft als narzisstischer Exzentriker. Name sowie blonde Haarmähne sind eine kokette Anspielung auf die aktuelle US-Politik.
Anatoly Sergievsky (erhaben: Nikolaj Bruckner) spielt zurückhaltend, sticht aber durch seine gesangliche Leistung hervor.
Zusätzliche Verwicklungen bringt Florence Vassy (verletzlich: Annemieke van Dam) ins Spiel. Erst Freundin und Managerin des Amerikaners, wechselt sie nach dessen Niederlage die Seiten, wie auch Anatoly selbst: Er beantragt nach seinem Sieg Asyl in Amerika.

Ein wunderbares choreographisches Highlight ist die emotionale Balletteinlage während des Spiels. Alles verstummt, als die schwarz und weiß gekleideten TänzerInnen die Schachzüge nachtanzen und nacheinander zu Boden fallen.

chess-tanzFoto: (c) Werner Kmetitsch

Im zweiten Akt wird die Schachweltmeisterschaft in der Metropole Bangkok wiederholt. Bunte Lampions hängen von der Decke, Frauen und Männer räkeln sich in Kostümen und kreisen lasziv um eine Stange. Die Tanzeinlage zu dem Song „One night in Bangkok“ zieht den Zuschauer in den Bann.
In dieser schrillen Atmosphäre steht Anatoly vor einer schwierigen Entscheidung. Der korrupte KGB-Funktionär Molokov (Wilfried Zelinka) erpresst ihn mit leidvollen Konsequenzen für seine Ex-Frau und Kinder, sollte er das Spiel – mittlerweile als Amerikaner – nochmals gewinnen.

chess-bangkokFoto: (c) Werner Kmetitsch

Es folgen dramatische Szenen. Katja Berg (berührend) in der Rolle der verlassenen Ehefrau fleht Anatoly in einer wunderschönen Ballade an, zurückzukommen. Florence stellt enttäuscht fest: „Als kleines Kind habe ich gelernt, dass nichts von Dauer ist.“
Letztendlich entscheidet sich Anatoly zum aufrechten Spiel. Er gewinnt erneut, kehrt jedoch Amerika und somit auch Florence den Rücken: „Jeder geht allein seinen Weg.“

Am Ende donnert der Schiedsrichter (Sven Fliege) mit theatralischer Stimme in den Saal: „Nach jedem Spiel fragt man sich, wieviele Varianten wird man noch sehen?“

Eine ernüchternd zeitlose Frage.

Unter tosendem Applaus schließt sich der Vorhang und lässt ein beeindrucktes Publikum zurück. Ob ein Musical mit politischem Inhalt funktionieren kann? Die Antwort fällt eindeutig zugunsten der Produktion des Theater Chemnitz aus.

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