Grenzgang in neun Kapiteln

Bei vollem Haus feierte die Performance „Beißen“ im Theater am Ortweinplatz am Samstag Premiere. Wie fühlt es sich an, alles zu geben, sich mit jeder einzelnen Zelle des Körpers und des Geistes einer Sache zu verschreiben? Was braucht es, um an die Spitze zu kommen? Und was lässt man am Weg dorthin zurück? Die jungen Schauspieler/innen, mit Regie von Simon Windisch, gehen diesen Fragen auf den Grund.

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Durchbeißen bis zum Schluss. (Foto: Clemens Nestroy)

Schon das Eintreten und Hinsetzten verheißt eine spannende Vorstellung: Die erste Publikums-Reihe sitzt nicht ebenerdig mit der Bühne, sondern an der Kante einer erhöhten Tribüne, von der sie die Füße baumeln lässt. Es bietet sich ein Blickwinkel, der die kahle Bühne, auf der keinerlei Requisiten oder Bühnenbild vorhanden sind, wie einen Boxring erscheinen lässt, in den man von oben hineinblickt.

Die anfängliche Dunkelheit raubt die Sicht, bis eine junge Boxerin in einem Lichtkegel erscheint. Auf der schwarzen Wand hinter ihr wird der Anfang projiziert: Kapitel 1. Vier junge Sportler gesellen sich zu ihr. Sie eilen auf der Bühne umher, bleiben immer wieder für Übungen stehen, wenn der Scheinwerfer sie trifft. Die kleine Ballerina, die auch auf den Plakaten der Produktion zu sehen ist, kämpft sich unermüdlich durch ihre Changements und Tendus. Neben ihr eine Schwimmerin und eine Boxerin, die ihr Training eisern durchziehen. Ihre Bewegungen sind präzise, ihr Spiel überzeugend. Nach jeder Runde wird der Eindruck intensiviert – extrem helles Licht, bebende Bassklänge – bis an die Grenze.

Auf der schwarzen Rückwand tauchen Videoprojektionen der Darsteller/innen auf. Sie verleihen der Bühne, die bis dahin wie ein Käfig gewirkt hat, Tiefe. Die Animationen tragen die Produktion – sie sind alles, was es an Bühnenbild braucht. Erst im dritten Kapitel werden die ersten Textzeilen gesprochen, überraschenderweise auf Englisch. Die Charaktere berichten von den Opfern, die ihre Karriere eingefordert hat: Eine Kindheit, in der jede freie Minute mit Training verbracht wurde, die erste Liebe, die an dem zeitintensiven Hobby zerbrach. Nein, es war nicht leicht, bis an die Spitze zu kommen – “but I did it anyway“.

An Herausforderungen muss man wachsen, man muss fokussiert bleiben – auch als Ballerina mit Blähungen, was dem Publikum einige Lacher entlockt. Kapitel sieben bringt eine unerwartete Überraschung. Stand vorher der Sport im Vordergrund, so findet man sich plötzlich in einem Computerspiel wieder. Für virtuelle Leistungen braucht es nicht weniger Planung, Übung und Disziplin. Nach dem Zweifeln steht am Ende das Aufgeben. Das Limit ist erreicht und man macht sich auf den Weg nach Hause.

Durchhalten, Durchbeißen, den Schmerz besiegen – „Beißen“ schafft es, dieses Gefühl zu transportieren. Die jungen Darsteller/innen beweisen Disziplin und Durchhaltevermögen in dieser körperlich anstrengenden Performance. Großartig umgesetzt wurden die Videoprojektionen. Sowohl die Regie, die diese vom passiven Hintergrundbild zum aktiven Mitspieler erhebt, als auch die Schauspieler/innen selbst, die mit viel Liebe mit ihnen interagieren, machen sie unverzichtbar. Trotz der unbequemen Sitzplätze zahlt es sich aus, 75 Minuten lang durchzubeißen. Das Publikum ist begeistert und dankt mit extra langem Applaus.

Weitere Infos und Termine finden Sie hier.

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