„Pfiat di Gott“ Freiheit

Der musikalische Theaterabend „Redaktionsschluss“ im Grazer Schauspielhaus zeigt die Bedrohung der offenen Gesellschaft durch die Einschränkung von Meinungs- und Pressefreiheit in einem fiktiven totalitären System, gibt aber auch über die Realität zu denken.

Nach dem großen Erfolg von Trümmerfrauen im letzten Jahr hat Sandy Lopičić wieder ein auf Musik basierendes Theaterstück für das Schauspielhaus inszeniert. Anders als der Titel erwarten lässt geht es nicht nur um die Pressefreiheit, sondern um einen weiten Themenkomplex an Werten einer aufgeklärten Gesellschaft, die in einem totalitären System unterdrückt werden.
„Pfiat di Gott“ heißt das erste, a cappella vom Ensemble intonierte Lied und gibt damit das Motto des Abends vor: Verlust. Was verloren geht, ist die Freiheit, und zwar auf verschiedenen Ebenen: Privatsphäre, Presse, Meinung.
Die Stärke der Inszenierung liegt in der Intertextualität und der Kunst, Bekanntes in einen anderen Kontext zu versetzen und ihm damit eine neue Bedeutung zuzuweisen. Das zeigt sich besonders am Einsatz des Songs Every Breath You Take von The Police, der im Kontext der Überwachung eine sehr bedrohliche Dimension erhält.
Zu Beginn ist die Bühne ein Großraumbüro, aber je mehr sich das Thema von der Pressefreiheit auf andere Bereiche ausdehnt desto mehr wird sie zur Musikbühne mit einem beachtlichen Reservoir an Instrumenten, die mitunter von oben einschweben.
Nur eine, allerdings wirkmächtige Szene, thematisiert direkt die Pressefreiheit: Die Journalisten sitzen mit zugeklebten Mündern an Schreibtischen mit hohen Wänden und summen Die Gedanken sind frei – ein schöner Moment, denn es Bedarf keiner Worte, um dieses Lied zu verstehen. Es erzählt vom letzten Geheimnis, das bleibt, wenn eine Überwachungskamera wie ein Damoklesschwert über den Köpfen schwebt und das Objektiv gierig in alle Richtungen dreht. Schließlich fasst sich einer ein Herz, reißt das Klebeband ab und beginnt Boxes zu singen. Die anderen stimmen nach und nach ein – eine Szene des Widerstands, deren es leider nur zwei gibt. Ansonsten ist alles sehr düster, das System gewinnt die Oberhand.

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Zugeklebte Münder: Die Journalisten dürfen nicht mehr frei berichten. (Foto: Lupi Spuma)

Fakten, Fakes und viele Fragen

Nur die widerspenstige Kaffeemaschine erinnert durch lautstarkes Mahlen und Lichter immer wieder daran, dass die Bühne eigentliche eine Redaktion ist. Die Journalisten stellen sich einmal auch geduldig an, um einen Kaffee zu bekommen und vertiefen sich dabei etwas zu klischeehaft in Zeitungen, bis das riesige Xylophon läutende Handys imitiert und damit für Gewusel sorgt. Ein netter Gag, aber ohne Relevanz für das Stück. Ebenso fragt sich, warum das zweifellos brisante Thema Postfaktizismus auf Tirolerisch abgehandelt werden muss. Nur auf Show abzuzielen scheint eine eigenartige Fusion vom Lied der Moldau (Kurt Weill und Bertolt Brecht) mit David Bowies The Man Who Sold The World als Begleitung zur Folter zweier Männer mit Waterboarding (ein Thema, das dank Trump in den USA – keine Bühne, ein realer Staat! – wieder aktuell ist).
Es gibt noch drei weitere sehr eindrucksvolle Szenen: Der Pianist Helmut Stippich leistet einsamen Widerstand, wenn er Bach spielt und trotz Erniedrigungen bis hin zum Abhacken der Finger nicht aufhört, sondern letztendlich mit anderen Körperteilen die Europahymne spielt.
Die Redakteure wiederholen im Chor immer eindringlicher eine Reihe von Fragen (Wer? Was? Wo? Weshalb? Wie? Warum?) und dazu pulsieren an der Wänden unzählige Fragezeichen – das alles so lange, bis das Zuhören und Hinsehen anstrengend wird, aber der Mehrwert liegt in der Ambivalenz der Fragen: Einerseits können sie vom informationshungrigen Überwachungsstaat gestellt werden, andererseits sind es die sogenannten „W-Fragen“, die ein Zeitungsbericht beantworten soll und somit ebenso Handwerkszeug der Journalisten.
Ein weiterer Themenkomplex ist die Nachkriegszeit. Andri Schenardi weist mit Georg Kreislers Weg zur Arbeit darauf hin, dass viele ehemalige Nazis damals ihre Posten behielten. Am besten ist aber die Anspielung auf Wolfgang Borcherts Drama Draußen vor der Tür: „Ich bringe Ihnen die Verantwortung zurück“, sagt der Kriegsheimkehrer Beckmann zu seinem Oberst, wird aber abgewiesen. Das Thema Verantwortung ist aktueller denn je, und hier schließt sich der Kreis zum Thema Medien im weiteren Sinne: Keiner übernimmt mehr die Verantwortung, wenn Fake-News von Fakten kaum noch zu unterscheiden sind. Wem kann man vertrauen? Was ist die Wahrheit? Nicht zuletzt auch jemand dem einen oder anderen Politiker die Verantwortung zurückbringen, aber würde er sich ihr stellen?
Nun spielt Redaktionsschluss zwar in einem fiktiven totalitären System, aber es verweist auf die reale Vergangenheit, warnt vor gefährlichen Tendenzen und wirft Fragen auf, die auch jetzt schon gestellt werden müssen. Herbert Grönemeyers Ein Stück vom Himmel bringt es am Ende gut auf den Punkt.

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