Der Fluch des Fremdseins

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An die Wand geschraubte weiße Blöcke. Menschen, die sich von Würfel zu Würfel angeln. Eine Kamera, die dieses Szenario aus der Vogelperspektive erfasst und auf die Leinwand überträgt.

Von oben betrachtet krabbeln die Protagonisten orientierungslos zwischen den Trümmern umher, eingezwängt in einen Käfig. Was hier passiert, ist ein Katz-und-Maus-Spiel mit Hindernissen, eine düstere Vorahnung auf das, was kommt.

Denn auch in dem Stück von Ayad Akhtar sind die Darsteller letztendlich Gefangene: ihrer Herkunft, ihrer Weltanschauung, eines Systems.

(c) Lupi Spuma

Wo ist dein Platz? Es geht nur entweder oder. Man kann nicht beides sein.

Seine doppelte Identität macht Amir (Benedikt Greiner) schwer zu schaffen. Er ist ein aufstrebender New Yorker Anwalt, der sein Gehalt gern in exklusive Markenhemden investiert und die Existenz seiner pakistanischen Geburtsurkunde verleugnet. Verheiratet ist er mit der liberalen Künstlerin Emily (Evamaria Salcher), die unter dem Deckmantel der Kunst mit Kopftuch und Islam kokettiert: „Der Islam ist ein Teil von dem was wir sind. Aber wir wissen es noch nicht einmal.“ Emily´s Faszination für orientalische Lebensformen stößt bei Amir auf Unverständnis. Er hat sich von seinem Glauben längst abgewandt, bezeichnet den Koran als Hassbrief und den Islam als Wüstenreligion, der sich Muslime bedingungslos unterwerfen. Nur unter großem Widerstreben erklärt er sich dazu bereit, einen zu Unrecht beschuldigten Imam vor Gericht zu vertreten.

An diesem Punkt beginnt die Stimmung zu kippen. Als die Anwaltskanzlei von Amir´s wahrer Idenität erfährt, findet seine Karriere ein jähes Ende. Beim gemeinsamen Abendessen mit einem jüdischen Kurator und seiner afroamerikanischer Ehefrau (Mercy Dorcas Otieno) gesteht diese, ungerechterweise anstelle von Amir befördert worden zu sein.

Dessen Lebenstraum zerplatzt wie eine Seifenblase. Aus der Party entsteht ein Streit, bei dem die vier Lebenswelten miteinander kollidieren und Vorurteile hervorbrechen.
Amir erfährt, dass er nicht nur von seiner Kanzlei sondern auch von Emily betrogen wurde. Er verliert die Kontrolle und wird zum gewalttätigen Ehemann, der er niemals werden wollte.

Indes scheint sich die Behauptung seines Bruders Abe (Pascal Goffin) zu bewahrheiten. Die Welt ist nicht neutral, dazugehören werden sie nie.

„Sie haben uns geächet!“ , schmettert Abe in den Raum. „Und jetzt tun sie so, als würden sie unseren Zorn nicht verstehen.“

Die Stimmung im Saal ist bedrückend, als sich ein Lichtkegel auf Amir richtet, der nun alleine auf einem weißen Würfel in der Mitte des Raumes sitzt und seine Tränen nicht weiter zurückhalten kann.

Vielleicht ist es das Resümee dieser grandiosen Inszenierung: die Unvereinbarkeit zwischen dem Fluch der Fremdheit und dem tiefen Wunsch nach Zugehörigkeit.

Dieses Stück gibt wenig Hoffnung sondern bohrt sich vielmehr tief in unser Gewissen.
Ein zutiefst bewegendes Meisterwerk.

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