Vom Brauttanz zum Bekenntniswerk

Ein norwegischen Brautwerbungstanz und der letzte Tango von Mürzzuschlag waren am letzten Orchesterkonzertabend bei recreation zu hören. Andreas Stoehr führte in die Höhen und Tiefen von Griegs Klavierkonzert und Brahms’ letzter Symphonie.

Andras Stoehr , (c)Bjoern Hickmann

Andras Stoehr , (c)Bjoern Hickmann

Das Klavierkonzert von Edvard Grieg steht nicht zufällig in a-Moll. In ebenjener Tonart schrieb auch Robert Schumann sein Solokonzert, das dem norwegischen Komponisten als Vorbild diente. Trotz so mancher hörbarer Anlehnung schafft es Grieg mit jedem Satz mehr seine eigenen Ideen zu veranschaulichen. Die Vermittlerin des Abends war die deutsch-russische Pianistin Kristina Miller-Koeckert, welche für den erkrankten Markus Schirmer übernahm. Unter der Leitung von Andres Stoehr und umrahmt vom recreation – GROSSES ORCHESTER GRAZ hielt sie ihr Temperament nicht zurück. Den lyrisch verträumten Passsagen stellte sie die hallenden Akkordfolgen bewusst wuchtig gegenüber. Heftig wirkten diese Ausbrüche auf den Zuhörer, wobei nicht auszuschließen ist, dass gerade diese Reaktion herausgefordert werden wollte. Einfühlsamkeit zeigte Miller-Koeckert im zweiten Satz, in dem sie nicht vor Zurückhaltung scheute, um den Orchestersolisten den nötigen Raum zu geben. Dem anmutigen Cellosolo folgte eine weiche Führung im Horn, das mit einem Aufeinanderhören und -schauen mit der Solistin ohne Brüche fortsetzte. Stoehrs lange Arbeit in Skandinavien führte zur Begegnung mit dem norwegischen „Hallingdans“ (einem akrobatisch anmutenden Brautwerbungstanz des Mannes) , der Grieg als Vorlage für sein Allegro moderato molto e marcato gedient haben dürfte. Die Führung ist hierbei für gewöhnlich der Frau überlassen und wurde von Kristina Miller-Koeckert im Spiel mit unterschiedlichen Schattierungen der Charaktermelodie in die Hand genommen. Im Finale des Satzes gelang Stoehr die maßvolle Dosierung des Orchesterklanges nicht ganz, sodass sogar der Steinway Flügel im Rauschen der Überzahl unterging. Den Vorsitz holte sich die Solistin mit einer wirbelnden Rachmaninow-Zugabe zurück.

Kristina Miller-Koedkert ; (c) Oskar Schmidt

Kristina Miller-Koedkert ; (c) Oskar Schmidt

Mit Brahms’ 4. Symphonie folgte ein ebenso berührendes wie erschütterndes Stück Musikgeschichte. Für Stoehr ist diese Symphonie das „Bekenntniswerk“ des großen Komponisten, ein Werk voll „Tragik, Pessimismus, unerfüllter Sehnsucht und Weltekel“. Brahms in seiner ganzen Rätselhaftigkeit findet hier einen seiner ehrlichsten Momente. Der österreichische Dirigent widmete sich der enigmatischen Musik ohne Pathos. Ein unerschütterlicher Ernst lag in der immer weiter anschwellenden Tiefe des ersten Satzes. So firm und endgültig wirkte dessen Ende, das man meinte, schon am Ende des Werkes angekommen zu sein. Die folgenden Sätze gestalteten die Musiker mit verminderter Wucht. Traurigkeit und Ausweglosigkeit waren dabei stets auch in den helleren Episoden zu erkennen. Mit dem finalen Abschnitt, den er selbst als „letzten Tango von Mürzzuschlag“ vorstellte, kam es zu einem letzten Aufbegehren, das nicht wütend klang, doch voll Empörung den ganzen Stefaniensaal ausfüllte. Erschüttert und erstaunt blieb man zurück, ganz so wie es der Dirigent, und vermutlich auch der Komponist, im Sinn hatten.

Für alle die es nicht in den Konzertsaal geschafft haben, gibt es das Programm am Sonntag den 5. Februar um 20.04 Uhr auf Radio Steiermark nachzuhören.

Weitere Informationen zum Konzert und weiteren Veranstaltungen von recreation unter:
http://styriarte.com/events/brahms-grieg/?realm=recreation&sti=24355

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