Verirrungen von Hänsel und Gretel und unserer heutigen Gesellschaft

Die Oper  „Hänsel und Gretel“ von Engelbert Humperdinck  ist ein Märchenspiel in drei Akten, aufgeführt im MUMUTH unter der Regie von Ernst M. Binder. Da es sich hierbei um eine Produktion der Kunstuniversität Graz handelt, erwartete ich bereits etwas Ausgefallenes und Experimentelles. Ich wurde nicht enttäuscht und genoss nicht nur ein Märchen zur reinen Unterhaltung, sondern auch eine gesellschaftskritische Inszenierung.

Das Stück beginnt damit, dass Hänsel und Gretel in Griechenland gestrandete Flüchtlingskinder verkörpern. Der Wald wird in eine Gartenabteilung im Supermarkt verwandelt und die Kinder werden von glitzernden Mercedessternen und Geld angelockt – Dies alles und weitere Elemente wie Aufstand gegen ein tyrannisches Regime, Krieg oder Feminismus sind in die märchenhafte Oper eingeflochten und stellen unser gesellschaftliches Leben kritisch dar. Ein hervorstechendes Beispiel ist die wahrlich schaurige Darstellung der Hexe. Diese verkörpert für mich den Kapitalismus, welcher  Hänsel oder uns Konsumenten mit Geld und Konsumgütern lockt und füttert damit die Hexe, oder eben der Kapitalismus, ihn/ uns  verschlingen kann damit sie/er überleben. Ich bin beeindruckt von der Vielfalt an Idee und der Anzahl der Elemente, welche man aus diesem Märchen umdeuten und neu interpretieren kann. Daher empfiehlt es sich das Programm vorab zu lesen, um das Verständnis dieser Interpretationen zu fördern.

Foto: Johannes Gellner

Foto: Johannes Gellner

Die authentische und überzeugende Darstellung der Schauspieler war großartig. Es hat sich darin gezeigt, dass sich Ernst M. Binder sowie die Schauspieler Zeit genommen haben, sich mit ihren Rollen, aber auch mit sich selbst  intensiv auseinanderzusetzen. Auch das Orchester war ausgezeichnet – Als einziges Manko empfand ich aber die zum Teil unausgewogene Balance zwischen den Sängern und dem Orchester, was auch dazu beigetragen hat, dass es teilweise schwer war, trotz der schönen Stimmen, den Text des Gesangs deutlich zu verstehen.

Ich selbst war begeistert von der Oper und ich denke auch das restliche Publikum, welches kräftigt applaudierte. Darüber hinaus hat mich das Schauspiel angeregt darüber nachzudenken, was wohl die ursprüngliche Bedeutung und Botschaft des Märchens „Hänsel und Gretel“ war. Für die Zukunft bleibt nur zu sagen, dass ich nun auch andere Märchen kritischer und mit Bezug auf das aktuelle Zeitgeschehen betrachten werde.

Nachruf: In der Nacht vor der Premiere seiner 99. Inszenierung ist Regisseur Ernst M. Binder überraschend verstorben.  Er hinterlässt eine Lücke in der Grazer Kunst und Kulturwelt, die niemand zu füllen vermag.

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