Die utopische Liebe in der „Gegenzeit“

Claudia Bossard vereint im Grazer Schauspielhaus wirkungsvoll Ingeborg Bachmanns Hörspiel Der gute Gott von Manhattan und den Briefwechsel der Autorin mit Paul Celan.

Es widerfuhr im 16. Jahrhundert Romeo und Julia, es widerfuhr bereits im Mittelalter Tristan und Isolde und es widerfährt im 1957 publizierten Hörspiel Der gute Gott von Manhattan Jan und Jennifer im Getümmel an der Grand Central Station in Manhattan: der erste und eine Blick, der zwei Menschen aneinander bindet. Auf den ersten Blick folgt hier gleich der erste, innige Kuss. Aber wie bei Shakespeare und Gottfried von Straßburg ist dieser Moment, in dem das Herz einem fremden Menschen zufliegt, der Auftakt zum Verderben.
Bachmann suchte in ihrem Werk nach einer Liebe, die über aller Ordnung steht, die nur für sich existiert und sich nicht in die Schranken weisen lässt. Doch diese Utopie existiert nur in der von Bachmann so genannten fiktionalen „Gegenzeit“. Die Ordnung darf nicht gestört werden ; die Liebenden haben keine Chance.
Jennifer (Tamara Semzov) ist Amerikanerin, hat gerade zu studieren begonnen und möchte die Welt entdecken. Der Europäer Jan (Mathias Lodd) will eigentlich mit dem Schiff nach Hause, aber daraus wird vorerst nichts – vorerst, denn nach ein paar gemeinsamen Tagen ist Jennifer tot. Jan reist ab. Gleich zu Beginn zeigt sich: Da war göttliche Hand im Spiel. Der gute Gott von Manhattan (Franz Xaver Zach mit langen weißen Haaren und Bart dem kindlichen Bild von Gott entsprechend) steht vor Gericht. Er wird beschuldigt, Jennifer getötet zu haben, streitet das auch gar nicht ab, sondern erzählt genau, wie es dazu kam. Von der ersten Sekunde an war ihm diese Liebe ein Dorn im Auge: „Es gab so viele Möglichkeiten, und das war die unmöglichste“, sagt er. Das Unmögliche darf nicht sein, und so sah er sich genötigt, einzuschreiten, um die Ordnung aufrechtzuerhalten.
Die Gerichtsverhandlung bildet den Rahmen für die kurze Liebesgeschichte, rückblickend eingebracht und vom Mörder höchstpersönlich analysiert. Die Ankläger, großartig gespielt von Vera Bommer und Nicolas Link, treten zuerst kalt und streng auf, greifen den guten Gott an und wollen ihn in die Enge treiben. Je weiter seine Erzählung sich fortsetzt desto unsicherer werden sie aber, sodass sich die Rollen umkehren. Der selbstsichere Angeklagte erklärt sich zum Kronzeugen und wird letztlich zum Richter.

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Mathias Lodd und Tamara Semzov als Jan und Jennifer, die wissen, dass ihre Liebe keinen Bestand hat (Foto: Lupi Spuma).

Literarische Liebesbriefe

Tamara Semzov verleiht Jennifer große Präsenz und Eleganz. Sie ist eine junge Frau, die weiß, wie aussichtslos ihre Situation ist: „Ich weiß nur keinen Platz mehr für uns“, sagt sie zu Jan. Auch er macht sich keine Illusionen: „Es ist unmöglich, dass das mit uns geschehen kann.“ Neben der lebendigen Tamara Semzov wirkt Mathias Lodd etwas blass, aber das tut dem sehr guten Gesamteindruck keinen Abbruch.
Claudia Bossard führt eine dritte Ebene ein und verdoppelt dadurch die Liebesutopie: Bommer und Link lesen Passagen aus Herzzeit, dem Briefwechsel zwischen Bachmann und Celan ins Mikrofon, ohne dabei jedoch in Kitsch zu verfallen, sondern vielmehr genauso nachdenklich und resigniert, wie die beiden Autoren wohl waren. Im Vorjahr brachte Ruth Beckermann die Briefe mit ihrem Film Die Geträumten ins Kino und wurde dafür bei der Diagonale ausgezeichnet. Von „Gegenzeit“ ist in diesem Briefwechsel keine Spur. Während Jennifer und Jan sich in den Armen liegen, haben Bachmann und Celan nur Worte, um einander nahe zu sein. Bachmann suchte nach der Sprache der Liebe, und wenngleich sie selbst nicht daran glaubte, sind diese Liebesbriefe doch wunderschön, obwohl von Zweifeln geprägt.
Die kahle Bühne von Monika Annabel Zimmer hält kreative Effekte bereit: Eine Waschmaschine fungiert als Nüsseautomat, in zwei anderen gerät das Leben buchstäblich in den Schleudergang, als Jan und Jennifer gemeinsam ein Hotelzimmer nehmen, und die Waschmaschinen sind gleichzeitig die Betten. Die höher gelegene Plattform ist zugleich die Brooklyn Bridge, der Central Park und verschiedene Hotelzimmer, in denen die Liebe zwischen Jan und Jennifer sich vorübergehend entfalten kann. Am Ende sind dort oben zwei Worte zu lesen: „What if…“ Was wäre, wenn es diese Liebe wirklich gäbe? Aber nein, der gute Gott will das nicht.

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