Die Menschheit ist ein einziges Malheur

In Einfach kompliziert am Grazer Schauspielhaus praktiziert Gerhard Balluch die hohe Kunst des Bernhard’schen Lamentierens.

Ins Theater gehen, um sich eineinhalb Stunden lang das Lamento eines 82-jährigen Schauspielers anzuhören, dem offenbar die Welt ein Dorn im Auge ist? Wohl kaum, würde dieses Lamento nicht aus der Feder des Thomas Bernhard stammen. Er ist der Meister der Abrechnung mit der Welt und bescherte Österreich 1988 zum Jubiläum des Anschlusses an Nazi-Deutschland mit seinem Stück Heldenplatz einen Skandal. Die Auftraggeber hatten sich wohl einen Lobgesang erwartet, aber so etwas machte Bernhard nicht. Sein Métier war der Abgesang.
Nun also die Klage eines Künstlers. Die Ausgangssituation ist sehr einfach, aber dann wird es kompliziert. Der alte Schauspieler ist in seiner Wohnung auf Mäusejagd, notiert sich, dass er Mausgift kaufen muss, und stellt fest, dass er ausmalen sollte. Zu Beginn stapft Gerhard Balluch mit einer Taschenlampe über die Bühne. Die feste Stimme, immer wieder unterbrochen durch angestrengtes Keuchen, bewegt sich von links nach rechts, bis das Licht angeht und den Sprecher enthüllt. Er hat zerzaustes weißes Haare, trägt Wollsocken in Filzpantoffeln und einen schwarzen Schlafanzug.
Einfach kompliziert wurde von Thomas Bernhard dem Schauspieler Bernhard Minetti zu dessen 80. Geburtstag gewidmet und zeigt gleichsam den letzten großen Auftritt des Bühnenkünstlers, eine Reflexion auf sein Leben im Widerspruch zur Welt. Tatsächlich birgt der Charakter in sich selbst auch jede Menge Widersprüche. Er schwankt zwischen Selbstüberhöhung und Eingeständnis des Scheiterns. Die Menschheit sei grausam und größenwahnsinnig. „Kein Mensch hat Zukunft.“ So sehr er sich selbst immer wieder über alle anderen stellt, kann er sich dennoch von den Vorwürfen, die er den Menschen macht, letztlich nicht ausnehmen. Er beklagt beispielsweise die Bequemlichkeit und beschließt dann, doch nicht auszumalen, weil er meint, das könne er nicht mehr.

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Gerhard Balluch spielt einen alten Schauspieler, der gerne noch einmal Shakespeares Richard III. wäre. (Foto: Lupi Spuma)

Der letzte Kampf des Königs

Gerhard Balluch ist die perfekte Besetzung für diese Rolle. Philosophierend schlurft er über die Bühne, hält immer wieder inne, um einen neuen Gedanken aufzugreifen und zu entfalten, zieht mit seiner ehrwürdigen Stimme in den Bann. Grimmig ist er, aber trotzdem sympathisch. Eine alte Holztruhe ist das Repertoire seiner Vergangenheit. Die Gegenstände darin bilden den roten Faden seiner Gedanken: das hellblaue Kleid seiner verstorbenen Frau, eine Zeitung, ein Bild von Schopenhauer und noch mehr. Auch seine Krone ist darin. Er hat sie zum 70. Geburtstag von der Stadtverwaltung in Duisburg bekommen, wo er einst Shakespeares Richard III. spielte. So gebrechlich und am Ende des Lebens stehend er auch wirkt, hat er doch dieses königliche Auftreten (teilweise spricht er im Majestätsplural), die Selbstsicherheit eines Mannes, der die Schlechtigkeit der Welt entlarvt hat, sich an seinem eigenen Genie weidet und doch gleichzeitig weiß, dass er Teil dieser Welt ist.War das das Malheur des Thomas Bernhard? Teil einer Welt zu sein, die er abgrundtief hasste?
Hass ist auch eine Grundbefindlichkeit des alten Schauspielers, Hass und wohl auch Verzweiflung angesichts des Zerfalls, obwohl er vieles gerne noch machen würde. Was hasst er eigentlich nicht? – Da ist die Zeitung, die er abonniert hat, um die Stellenanzeigen zu lesen. Da ist seine Krone, an die er sich klammert, um den letzten Funken Ruhm, der ihm als Schauspieler zuteil wurde, festzuhalten. Außerdem ist er „Feinschmecker des Geistes“, mit Schopenhauer und Déscartes in guter Gesellschaft. Aber sonst?
„Sie starben alle weg. Ich nicht.“ Er kämpft noch, versucht noch immer, sich trotz aller Widersprüche in der Welt zu verorten, mit der Mäusejagd als letzte Aufgabe, um einen Rest an Kontrolle zu bewahren. „Wir bereiten uns unser Unglück selbst wie eine unappetitliche Suppe und löffeln sie aus.“ Aber worin besteht eigentlich sein Unglück? Er blickt zurück auf ein Leben als erfolgreicher Schauspieler. Liegt es daran, dass er sich als Richard III. oder Don Juan wohler fühlt als in seiner eigenen Rolle? Liegt es daran, dass Wahrheit seiner Meinung nach immer mit Unglück einhergeht? „Es sieht alles einfach aus, aber es ist sehr kompliziert.“

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