„Statt der Heimat ein großer Supermarkt“

Wie fühlt es sich an, wenn alles, woran man jemals geglaubt hat, binnen weniger Tage zerbricht? Wenn ein System kollabiert, das einem seit der frühesten Kindheit indoktriert wurde?

In ihrem Roman „Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus“ thematisiert Swetlana Alexijewitsch das Erbe des Kommunismus und gibt jenen Menschen eine Stimme, die in den Geschichtsbüchern keinen Platz finden. 2015 wurde sie dafür mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Im Haus 2 des Schauspielhauses Graz präsentiert Regisseurin Alia Luque die deutschsprachige Erstaufführung.

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Leben nach dem Zerfall der Sowjetunion: Alia Luque inszeniert „Secondhand-Zeit“ am Schauspielhaus Graz. (Foto: Lupi Spuma/Schauspielhaus Graz)

Auf die große Leinwand werden Szenen von den Olympischen Spielen 1980 in Moskau projiziert, während die vier Darsteller/innen Frederik Jan Hofmann, Matthias Lodd, Sarah Sophia Meyer und Tamara Semzov nach russischen Befehlen turnen. Sie sind von Kopf bis Fuß in Adidas gekleidet. Die Zeitreise in das Jahr 1991, zum Zerfall der Sowjetunion, beginnt.

Die Darsteller/innen schlüpfen abwechselnd in verschiedene Rollen und erzählen ihre Geschichte wie in Alexijewitschs Roman: Im Sozialismus waren die Menschen Gefährten. Und plötzlich wurde der Traum der Gerechtigkeit durch Konsum ersetzt. Alles, woran sie jemals geglaubt hatten, wurde von Gorbatschow für eine Pizza verkauft; mit der Perestroika hat er die Heimat zerstört und den Kommunismus verraten. Damit entzweite er eine Nation so tief, dass ganze Familien zerbrachen. Und wofür? Für „Wurst und Jeans“? Wie sollte man sich in einer so neuen, individuellen Welt ganz alleine zurechtfinden?

Die Zeitzeugen berichten über Stalin, Glasnost und Perestroika; über Verrat, Heimat und Bananen; über Gerechtigkeit und Freiheit. Im Geschichtsunterricht hört man nichts von den kleinen Leuten, den Einzelschicksalen, die von der „gerechten, klaren Welt des Sozialismus“ in das kapitalistische System gestoßen wurden. Sie sahen machtlos dabei zu, wie ein Staat kollabierte. Parteibücher und Tapferkeitsmedaillen wurden für ein paar Dollar an Touristen verscherbelt – ein Mann steht daneben und weint. All das bedeutete nichts mehr, es sind Reliquien aus einer vergessenen Zeit − wie die Kommunist/innen selbst. Es gab kein Netz mehr, um sie aufzufangen.

Der emotionale Höhepunkt ist erreicht, als Tamara Semzov vom Augustputsch 1991 in Moskau erzählt. Sie schildert, wie die Soldaten sich weigerten, auf die eigenen Leute zu schießen und das Volk die Nacht auf den Straßen gemeinsam durchstand, um Kämpfe abzuwenden. Im Hintergrund ertönt Tschaikowsys Schwanensee-Suite − wie damals im Fernsehen, als jeder auf Informationen wartete, aber niemand welche bekam. Gänsehaut!

Schattenseiten eines Traums

Die erste Hälfte des Stückes lässt Menschen sprechen, die dem Sozialismus positiv gegenüberstehen – doch in einem System, das niemanden zurücklässt, gibt es auch keinen Platz für Andersdenkende. Eine Frau erzählt von ihrer Kindheit im Arbeitslager. Mit drei Jahren wurde sie von ihrer Mutter getrennt und in ein Kinderheim verschleppt. Der Kommunismus war für sie die Familie und Stalin der Vater. Die Trennung von ihrer Mutter hatte sie locker überstanden – aber wie sie ohne Stalin leben sollte, wusste sie nach dessen Tod 1953 nicht.

„Ein Menschenleben war weniger wert als eine Feuerwaffe“, erzählt ein Soldat von seinem Selbstmordversuch. Das System der Sowjetunion war nie auf Frieden ausgelegt und konnte im Frieden nie funktionieren. Der ständige Mangel an Nahrung, kein Toilettenpapier und kein Waschmittel waren der Preis für die Panzer und Raketen des Kalten Krieges.
Das Ende des Stückes kommt gleich abrupt wie das des Regimes – es lässt die Zuschauer/innen unbeholfen zurück. Erst nach einigen Sekunden setzt er Applaus ein.

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Zwischen Kapitalismus und Kommunismus: Turnübungen im Adidas-Dress. (Foto: Lupi Spuma/Schauspielhaus Graz)

Die deutsche Übersetzung des Romans und die Inszenierung von Alia Luque bereichern den Blick des Westens auf die Geschichte und verdeutlichen, welche monumentalen Ereignisse vor gerademal 25 Jahren Osteuropa erschütterten. „Secondhand-Zeit“ regt noch Stunden danach zum Nachdenken an: Ist das System, in dem ich lebe, wirklich das einzig richtige? Ein Meisterwerk, das in den internationalen literarischen Kanon gehört, von den talentierten Schauspieler/innen ergreifend umgesetzt. Einziger Minuspunkt: Man braucht ein gewisses Vorwissen, um den Erzählungen folgen zu können.

Ein Stück, das mit Wissen anreichert und vor Intensität zittern lässt. Es ergreift, reißt mit, macht euphorisch und traurig, und vermittelt auf eindrucksvolle Art und Weise die Einzelschicksale der Menschen nach dem Zerfall der UdSSR. Es bietet keine politisch einseitige, sondern eine ganzheitliche Sicht auf den Sozialismus – so kann man endlich verstehen.

Hier gibt’s weitere Informationen und Termine.

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