Du bist das Hochglanzposter, das alle haben wollen

Die österreichische Erstaufführung von „Du (Norma)“ aus der Schmiede von Autor Philipp Löhle im Schauspielhaus Graz spinnt nicht nur geschickt eine Geschichte rund um die Frage, wie viele Schicksalsschläge ein Mensch im Laufe seines Lebens ertragen kann bis er rekapituliert, sondern auch, ob es einen Weg abseits der vorgegebenen Bahnen gibt.

Norma, die der Zuseher seit ihrer Geburt begleiten darf, merkt recht schnell, dass es unsichtbare Mauern gibt, an denen sie sich stößt: Die Jungs wollen irgendwann nicht mehr mit ihr Spielen, weil sie ein Mädchen ist. Sie nimmt also ihren Platz im Feld der weiblichen Erwartungen ein und tauscht Posesiealbum-Sprüche mit ihrer besten  Freundin für immer, die irgendwann nicht mehr ihre beste Freundin für immer sein will. Ihr Körper verändert sich, die Pubertät wir eingeläutet und auch die Jungs von früher finden wieder Gefallen an ihr. Doch ihrem unschuldigen Heranwachsen, das sie im aufgebauschten Ballerina Tutu verbrachte, wird schlagartig und mit einem sauberen Schnitt unterbrochen – An dem 18. Geburtstag ihres Bruders Dirk wird sie Opfer einer Massenvergewaltigung. In der Schule wird sie deswegen gemobbt. Sie setzt die Segel und schippert Richtung Neustart, indem sie ein Architektur Studium beginnt –  Zunächst träumt sie von einer „weiblichen Architektur“, doch sie merkt auch hier wieder, dass es die Mauern im Kopf ihrer Gegenüber sind, an denen sie scheitert. Es folgen Liebelein und Drogen – die Misere zeigt sich in ihrer vollen Blüte, als es zu einem Verkehrsunfall kommt, bei ihr irrtümlich Aids diagnostiziert wird und eine Schwangerschaft folgt. Kurz hegt sie Hoffnung auf ein neues Leben, doch die Vormundschaft für ihr Kind wird ihr jedoch entzogen. Es folgt ein Absturz, der keinen Boden zu haben scheint und die Frage, ob es einen Weg aus diesem Teufelskreis gibt…

 

Mit „Du (Norma)“ hat Autor Philipp Löhle eine Geschichte geschaffen, in der ein Desaster das Nächste jagt und man sich die Frage stellt, wann der Protagonistin endlich eine Verschnaufpause gegönnt wird. Beinahe surreal ist die Aneinanderreihung von Geschehnissen, die Normas Leben in einen Scherbenhaufen verwandeln. Blickt man genau hin, entdeckt man, dass neben der über dimensionalen Stoffpuppen-Requisite auch Verweise auf festgefahrenen Strukturen in puncto Gleichberechtigung liegen sowie das schonungslose Bohren in der gesellschaftlichen Wunde namens sexueller Missbrauch vollzogen wird. So werden auch insgeheim Fragen auf – und dem Publikum – zugeworfen: Welche Stellung nimmt man als Frau in dieser Gesellschaft ein, wo fängt ein selbstbestimmtes Leben an, wo hört es auf, wieso rüttelt man an verschlossenen Türen und scheitert infolgedessen? Dies passiert jedoch ohne dabei in Plattitüden oder anspruchslose Gesellschaftskritik zu verfallen.

Mit Regisseur Dominic Friedel und den Schauspielern (Pascal Goffin, Benedikt Greiner, Sarah Sophia Meyer, Clemens Maria Riegler) im Gepäck, ergibt „Du (Norma)“ ein Stück, das vieles ist – aber nicht behutsam. Brachial wie eine Brechstange wirkt es manchmal, doch das Publikum lässt man, in Anbetracht des harten Tobaks, nicht zur Gänze in Verzweiflung zurück. Philipp Löhles feiner Wortwitz wird samt gut pointierten Phrasen über das Geschehen gezuckert und lässt hin und wieder das Lachen zu – Auch wenn etwas Bitterkeit mitschwingt.

Mehr Informationen zu dem Stück gibt es hier:

http://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/du-norma

 

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