Kulturelle Selbstverleugnung im Käfig der American Upper class

Schauspielhaus Graz, 10. März 2017 – Amir Kapoor (Benedikt Greiner), ein aufstrebender Kleinbürger mit pakistanischer Herkunft, lebt den amerikanischen Traum: Tagsüber ist er als New Yorker Rechtsanwalt tätig, abends wartet seine schöne und liberale Künstlergattin Emily (Evamaria Salcher) im schicken Loft auf ihn. Mit dem Besuch des jüdischen Kurators Isaac (Florian Köhler) und dessen afroamerikanischer Frau Jory (Mercy Dorcas Otieno) beginnt Amirs angepasste Fassade zu bröckeln. Die schonungslosen Exlusionspraktiken der amerikanischen Upper Class sowie Amirs verzweifeltes Bemühen, den angepassten Schein um jeden Preis zu wahren, demaskieren ihn zusehends mehr und mehr. Die Folgen sind verbale und körperliche Entgleisungen, Missgunst, die Bildung wechselnder Allianzen und reichlich Abneigung gegenüber den jeweils anderen.

Eindrucksvoll inszeniert Regisseur Volker Hesse die innere Zerrissenheit des Protagonisten sowie den Zusammenprall verschiedener Weltanschauungen: Das reduzierte Bühnenbild – bestehend aus einer weißen Leinwand und darauf montierten Würfeln – fungiert als Loft des Ehepaars Kapoor. Im weiteren Stückverlauf entwickelt sich im anfänglich steril wirkende Loft durch das parkourähnliche Spiel des Ensembles – sie klettern, verfolgen, küssen und schlagen sich – eine mitreißende Dynamik. Gleichzeitig verdeutlicht diese Form der Inszenierung und Choreographie den Versuch die mühseligen Barrieren mehr oder weniger erfolgreich überwinden bzw. aus dem Hamsterrad ausbrechen zu wollen. Dem Stück fehlt es jedoch keine Sekunde an der notwendigen Ruhe: Abwechselnd werden Close-ups der Figuren, in denen sie selbst innehalten, und Kriegsaufnahmen auf die weiße Leinwand projiziert, die das Publikum in ihren Bann ziehen und es auf raffinierte Weise zum Nachdenken auffordern.

Ayad Akhtars hoch dotiertes Werk „Geächtet“ thematisiert auf eindrucksvolle Weise die Gefangenschaft im Käfig der postmodernen Upper Class sowie die Konsequenzen kultureller Selbstverleugnung als erhoffte Erlösung aus der allgegenwertigen Paranoia vor der Islamisierung des Westens. Es ist diese beklemmende Stille am Ende des Stücks, der fast gänzliche Verzicht auf Musik und die offensichtliche Gewalt, die die Protagonisten sowohl von innen als auch von außen heraus überwältigt und das Publikum verstört zurücklassen. Hesse illustriert diese komplexen Thematiken nicht anhand einer Geschichte, bei der die Ursache bekannt ist – der Fokus liegt auf der Wirkung des Dialogfeuerwerks und dem großartigen Ensemble, dass sich sprichwörtlich die Seele aus dem Leib spielt. Ein intelligentes Konzept, das dieses gesellschaftskritische Stück zu Recht funktionieren lässt und das Scheitern der Aufklärung eindrucksvoll schildert.

Eines sei gewiss – nach dem Schlussakt muss sich der Zuseher seine Antworten jedoch selbst suchen.

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