Danton, Debuissant und das revolutionäre Debakel

Im Grazer Schauspielhaus ist das Künststück gelungen, Heiner Müllers Der Auftrag und Georg Büchners Dantons Tod in einer anspruchsvollen Inszenierung zu verbinden.

Eine Revolution ist laut Duden ein „auf radikale Veränderung der bestehenden politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse ausgerichteter, gewaltsamer Umsturz[versuch]“. Ein Patentrezept, wie das funktioniert, hält die Geschichte nicht bereit. Vielmehr führt sie vor Augen, dass Revolutionen mitunter im Chaos enden. Wie macht man also eine Revolution? Und was kommt danach? Mit diesen Fragen beschäftigten sich zwei Schriftsteller, und zwar anhand des wohl bekanntesten Umsturzes dieser Art: der Französischen Revolution. Untrennbar verbunden mit den Schlagworten Menschenrechte, Demokratie und Aufklärung konnte sie diese Hoffnungen jedoch keineswegs erfüllen. Man denke an Napoleon, der wenig später die Herrschaft übernahm.
Im Jahr 1834 setzte sich Georg Büchner mit den Protagonisten der Französischen Revolution auseinander, die zugleich Antagonisten sind: Danton und Robespierre – der eine dem Volk zugneigt, der andere gewillt, es zu seinem Glück zu zwingen. 150 Jahre später schickte Heiner Müller drei Republikaner aus Frankreich nach Jamaica, um dort die Werte der Revolution zu vermitteln und die Sklavenherrschaft zu beenden. Die beiden Stücke könnten unterschiedlicher nicht sein, aber auf der Bühne des Schauspielhauses finden sie unter der Regie von Jan-Christoph Gockel in Der Auftrag: Dantons Tod zusammen, ohne aber jeweils an Kontur zu verlieren. Am Anfang steht dabei das Ende. Danton schreitet zur Guillotine und die Abgesandten der Revolution in der Karibik hängen am Strick beziehungsweise schreien im Wundfieber. Dem Scheitern zusätzlichen Nachdruck verleiht der von Florian Köhler großartig intonierte Song The End, und Revolutionsnostalgie liegt in der Luft.
Der Kunstgriff dieser Inszenierung ist ein Theater im Theater: Eine Puppenspielergruppe probt Büchners Danton’s Tod. Die Revolutionäre staksen an Seilen über eine kleine Bühne mit rotem Samtvorhang, während draußen das Volk tobt – ein Haufen kleiner Marionetten, die sich in ihrer Empörung überschlagen. So behält das Stück seinen eigenen Raum und wird nicht gewaltsam in die Gegenwart gezerrt. Heiner Müllers Revolutionsmissionäre Debuisson (Julia Gräfner), Sohn eines Sklavenhalters, der bretonische Bauer Galloudec (Florian Köhler) und der dunkelhäutige Sasportas (Komi Mizrajim Togbonou) schnappen sich kurzerhand die Puppenspieler und den Planwagen mit der Bühne und tuckern damit in die Karibik. Beim Theater der Revolution soll den Jamaicanern Hören und Sehen vergehen, sodass sie sich gegen ihr Sklavenhalter (die britischen Kolonisten) erheben und die Demokratie Einzug hält.

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Julia Gräfner haut als Debuissant in Jamaica bei den Sklaventreibern ordentlich auf den Tisch. (Foto: Lupi Spuma)

Theater der Revolution

Die Realität sieht freilich anders aus. Die Revolution klappt in der Karibik genauso wenig wie zu Hause in Frankreich, obwohl Debuisson sein Vorhaben nach allen Regeln der Kunst zunächst hinter restaurativen Absichten verbirgt und den Sklaventreibern eine wahre Macho-Show bietet. Glatzköpfig, breitbeinig, mit Zigarre und dröhnender Stimme fläzt sich Julia Gräfner beim Essen am Tisch, jederzeit bereit, dem in diesem Spiel als Sklaven fungierenden Sasportas mit einem Stab einen Schlag zu versetzen. Dann sollen die Puppenspieler (Michael Pietsch und Raphael Muff) das Stück präsentieren, sind aber außerhalb ihrer künstlerischen Komfortzone so eingeschüchtert, dass die Aufführung gründlich danebengeht. Der versuchte Revolutionsexport endet in einem Debakel und Debuisson grimmig blickend auf dem Klo mitten in der Karibik.
Erkenntnis: Die Revolution auf der Bühne vorzuführen reicht nicht. Durch bequeme Distanz und reine Theorie ändert sich gar nichts. „Geht nicht ins Theater, geht auf die Straße!“, lautet daher der Aufruf ans Publikum. Kann Kunst als revolutionäre Kraft wirken? Jedenfalls nicht, wenn sie sich versteckt.
Das grausame Potential der Revolution betonen die drei gescheiterten französischen Abgesandten eindringlich im Chor: „Der Tod ist die Maske der Revolution, und die Revolution ist die Maske des Todes.“ Das Ensemble führt aber nicht nur zwei gescheiterte Revolutionen vor, sondern auch die Puppenhaftigkeit menschlichen Handelns. Nicht nur die Marionetten hängen an Fäden, die von fremden Händen gezogen werden.
Das Publikum ist herausgefordert, den Überblick in diesem doppelten Spiel zu behalten, das noch dazu die Multimedialität auf der Bühne zelebriert und damit die Wahrnehmung auf mehreren Ebenen fordert, und mit intertextuellen Verweisen nicht spart. Aber gerade diese opulente Inszenierung, das dichte Aneinander der Werke von Büchner und Müller, sorgt für eine aufgeladene Stimmung, die das Geschehen immer mehr ins Chaos kippen lässt und nicht zuletzt die Zeitlosigkeit solcher Vorgänge ins Bewusstsein ruft, denn auch die Arabische Revolution brachte nicht die erhoffte Demokratie. Ein großartiger Abend!

Link zur Veranstaltung: http://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/der-auftrag-dantons-tod

 

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