Ein Verrat an der Romantik selbst

Sie spaltet das Publikum in Romantiker und Realisten: Die Britin Lily Sykes inszeniert „Romeo und Julia“ am Schauspielhaus Graz mit einem imposanten Bühnenbild, aber ohne Eleganz und große Gefühle.

Der erste Eindruck erstaunt: Die Bühne wirkt so tief, als wäre sie raumlos. Es ist dunkel, nur meterhohe Stahlgerüste mit Neonlichtern bilden Grenzen. Ein Mädchen in Rot kündigt das Schicksal der Liebenden an. So weit, so gut.

Alsbald kommt die erste Überraschung: Mercutio ist eine Frau. Henriette Blumenau gibt sich im schroffen Umgang mit Benvolio (Nico Link) zwar männlich, erzeugt aber mit viel Körpereinsatz eine sexuell aufgeladene Stimmung. Romeo (Raphael Muff) erscheint ganz in weiß: Seine Haare, sein Gesicht und sein Kostüm. Julia Gräfner bricht mit der Vorstellung der zarten, unschuldigen Julia. Ihre schroffen Bewegungen lassen sie wie ein trotziges Kind wirken, das im Spaghettiträger-Kleid über die Bühne stampft. Anstatt die Julia zu einer starken Frau zu machen, wird das Kindliche bewahrt und die Anmut entzogen – das macht die Figur eher lächerlich als authentisch.

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Rafael Muff und Julia Gräfner spielen Romeo und Julia. (Foto: Lupi Spuma)

Franz Solar muss als Capulet und Mönch Lorenzo herhalten. Lady Capulet und Lorenzina werden ebenfalls von ein und derselben Person, Babett Arens, verkörpert. Hätte man bei einer Produktion dieser Größenordnung nicht auf Doppelbesetzungen verzichten können? Bei der Rolle der Amme wurde an Personalkosten nicht gespart, diese ist nämlich gleich fünffach besetzt. Zum Glück, denn nur die Ammen verzaubern mit der romantischen Magie, nach der man sich in „Romeo und Julia“ sehnt. Die Fünf bilden mit ihrem mystischen Acapella-Gesang einen unverzichtbaren Ruhepol, der die Stimmung um ein Vielfaches intensiviert.

Einer der romantischen Höhepunkte des Dramas, als Romeo seine Julia zum ersten Mal erblickt und sich in sie verliebt, geht in einem Getümmel aus geschmacklosem Tanz, prallenden Bässen und hässlichen Masken unter; die berühmte Balkonszene grenzt mit ihren unlustigen Witzen an einen Verrat an der Romantik selbst. Romeo und Julias Liebesnacht passiert in einer Badewanne mitten auf der kahlen Bühne. Romeo verschwindet durch ein Loch im Boden. Muss das sein?

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Das eindrucksvolle Bühnenbild, der Ammen-Chor und Clemens Maria Riegler als Tybalt sorgen für intensive Stimmung. (Foto: Lupi Spuma)

Doch es geht auch anders: Julias Herz zerreißt in tausend Stücke als sie erfährt, dass Romeo ein Montague ist. Auch als er sich vor dem Richter behaupten muss, erschaudert man vor dem schauspielerischen Talent der Julia Gräfner: Ihr innerer Kampf zwischen Verzweiflung und Wut und der Liebe zu Romeo reißt das Publikum mit. Die einzige Figur, die den Familienkonflikt austrägt, ist Tybalt (Clemens Maria Riegler). Der wutentbrannte Hass gegen die Montagues sticht aus seinen Augen. Einen leidenden Tod erspart man sich; die Darsteller/innen werden von dem Prolog-Mädchen zu einem Portal aus grellem Licht gebracht – das ist auch gut so.

Ein Stück wie eine Achterbahnfahrt – mal große Gefühle und Gänsehaut, mal halbkomische Parodie. Die Neuinszenierung geht auf Kosten der Essenz des Stückes – der Liebe – und verschluckt den Familienkonflikt gleich mit. Trotz des talentierten Ensembles und einem Bühnenbild, für das Jelena Nagorni einen Preis verdient hätte, reißt die Inszenierung nicht mit. Wo soll man denn noch Romantik finden, wenn nicht in Romeo und Julia?

Hier finden Sie den letzten Spieltermin und weitere Informationen; hier den offiziellen Trailer.

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