Das Patriarchat wird paniert

Ein Schnitzel verdaut sich nicht leicht. So auch die Performance „Aufräumen“ des Theater im Bahnhof im Forum Stadtpark. Im Zentrum steht eine Bestandaufnahme des Feminismus und ein Rückblick auf das Leben der Johanna Dohnal. 

„Mir ist es wichtig, dass ich jedes Mal einen Orgasmus hab.“

Begrüßt wird das Publikum von Nacktfotos der Darstellerinnen und Produzentinnen Johanna Hierzegger, Pia Hierzegger und Gabriela Hiti. Ihre einzige Bekleidung ist ein Schnitzel. Von Photoshop und heißen Dessous ist keine Spur – echte Frauen stehen im Fokus. Ihre Worte und Körper spielen mit dem Unbehagen der Gesellschaft in puncto weibliche Sexualität.

Johannes Gellner

Zwischen Mehl, Eiern und Gleichberechtigung. (Foto: Johannes Gellner)

 

„Es gibt für mich keinen Grund, eine Frau werden zu wollen, denn es gibt keine Vorbilder.“

Als zentrales Element der Performance erinnern sie sich an die SPÖ-Politikerin Johanna Dohnal, die eine Schlüsselfigur in der nationalen Frauenbewegung war. Mit Zitaten von Zeitgenossen aus Politik wie Bruno Kreisky, aber auch aus dem privaten Umfeld, blicken sie zurück auf ihren unermüdlichen Kampf gegen das katholisch-konservative Establishment. Auf Radiointerviews mit sexistischen Anklängen („Kochen Sie gerne?“) folgen persönliche Einblicke in ihre Kindheit und das gescheiterte heterosexuelle Eheleben. Hierzegger, Hierzegger und Hiti wechseln ihre Identitäten im Sekundentakt und bauen so eine Bestandaufnahme der Gleichberechtigung. Ob sie dabei in ihrer eigenen Haut stecken oder aus einem anderen Leben erzählen, wird dem Publikum nie ganz klar. Johanna Hierzegger ist währenddessen damit beschäftigt, die Bühne mit einer Spur Mehl einzugrenzen; daneben werden Eier am Boden aufgelegt.

Johannes Gellner

Panieret das Patriarchat! (Foto: Johannes Gellner)

 

„Die Gleichberechtigung ist mein Koralmtunnel.“

Jeder Mensch, der politisch für eine Sache einsteht, kann sich mit den Erzählungen der Darstellerinnen identifizieren: Sie sind müde, ausgebrannt – und noch immer ist kein Ziel in Sicht. Es ist ein Gefühl der Ohnmacht und des Stillstandes. In bedrückenden Tönen werfen sie die zentralen Fragen des österreichischen Feminismus auf: Wird es sie jemals geben, die vollkommene Gleichberechtigung? Gleichen Lohn für gleiche Arbeit? Eine Frau an der Spitze des Staates?

„Aufräumen“ ist wie der Feminismus selbst: Es ist unbequem, brennt in den Augen und lässt nicht locker. Seit Johanna Dohnal hat sich viel geändert, doch der Weg ist noch ein langer. Es braucht Stücke wie dieses, die wachrütteln, aufdecken und daran erinnern, dass 2017 eben noch keine Gleichberechtigung herrscht. Wenn Pia Hierzegger sich dafür ausziehen und panieren lassen muss, dann ist das eben so. So bohrt es sich ins Gedächtnis und bleibt hängen. Vielen Dank für dieses starke, unbequeme Statement.

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