Radikale Verschränkung wirft Fragezeichen auf

Zwei Opernraritäten sind in dieser Saison im Grazer Opernhaus zu erleben. Luigi Dallapiccolas „Der Gefangene“ und der Einakter von Alexander Zemlinskys „Der Zwerg“ zeigen Geschichten mit Tiefgang in einem komplexen Musikgeflecht.

Szene aus Der Zwerg (c) Werner Kemtitsch 2

Für die Neugierigen unter den Opernfans waren die Erwartungen an diese spezielle Produktion groß. An einem Abend in den Genuss gleich zweier selten zu hörender Werke der Musikgeschichte zu kommen, ist unerwartet und spricht für den Mut von Intendantin Nora Schmid. Musikalisch konnte der Abend voll überzeugen, sowohl durch die Auswahl der Stücke als auch durch die vielschichte Interpretation der Musiker. Dirk Kaftan dirigiert das Grazer Philharmonische Orchester mit Sicherheit durch die kontrastreichen Partituren. Zemlinskys Musik ist voll Schmerz und enthält doch auch viele lichtvolle Momente. Seine enttäuschte Liebe zu Alma Schindler fand Einzug in seine Oper, vermutlich sah er sich bis zu einem gewissen Teil selbst in dem missgestalteten, verhöhnten Zwerg der Geschichte. Dem lieblichen Gesang der verwöhnten Prinzessin steht der Zwerg mit heroischen und grotesken Klangfiguren gegenüber.

„Das Schönste ist scheußlich“

singt Wilfired Zelinka als Don Estoban hämisch, als der Zwerg als Geschenk der Infantin präsentiert wird. Schon beginnt es im Orchestergraben zu quieken und zu hinken, als das unschuldige Wesen, das nichts von seiner Hässlichkeit ahnt, auftritt. In seiner Unwissenheit ist der Zwerg voll Hoffnung auf Liebe und Zuneigung, die von Aleš Briscein mit schmetterndem Tenor verkörpert wird. Das einleuchtende Forte des Beginns ändert sich auch kaum mit der Erkenntnis seiner wahren Beschaffenheit, was die Entwicklung der Figur etwas schlecht nachvollziehen lässt. Tatjana Miyus gibt die 18-jährige Infantin Donna Clara mit wohlklingender, kultivierter Stimme und verliert mit dem wachsenden Aufscheinen ihrer Gehässigkeit überzeugend immer mehr die Beherrschung. Was der Inszenierung inhaltlich missglückt, schafft Aile Asszonyi bravourös mit ihrer musikalischen Gestaltung: einen nachvollziehbaren, spannenden Übergang der beiden Opern. Als Lieblingszofe Ghita in „Der Zwerg“ ist die estnische Sopranistin zuerst noch eher ruppig. Der Hohn der anderen gegenüber dem Zwerg weckt allerdings ihr Mitleid – sie ist die Einzige, die sich nicht über ihn lustig macht. Mit den gesteigerten Gefühlen ändert sich auch die Eindringlichkeit ihrer Stimme, wird weicher und forcierter zugleich. Im „Gefangenen“ ist ihre Verzweiflung noch gesteigert, als sie eine von ihrem Sohn Abschied nehmende Mutter spielt. Mit sprunghaften Dynamikwechseln vermittelt sie die Erschütterung ihrer Rolle voll mitreißender Aktion. Markus Butter als der Protagonist der zweiten Hälfte scheint sich in der (vorgeschriebenen?) Statik seines Agierens etwas eingeschränkt zu fühlen. Selbst als sich der Eingekerkerte frei wähnt, sitzt er lustlos und zurückgelehnt auf seinem Sessel, wodurch das „Ich bin frei!“ sich nicht ganz entfalten kann. Wie auch schon als Kurwenal in dieser Saison ist sein Bariton aber von sonorer, ausdrucksvoller Konstanz.

Szene aus Der Gefangene (c) Werner Kmetitsch

So spannend die Musik der beiden Komponisten der Moderne ist, so ist sie den meisten Hörern doch nicht leicht zugänglich. Die Inszenierung von Paul Esterhazy entscheidet sich diese schwer zu erfassende Wirkung noch zu unterstützen, indem sie die Opern in eine Inszenierung voller Fragezeichen stellt. Wohlgemerkt eine Inszenierung, denn bewusst entschließt sich der österreichische Regisseur und Dramaturg für eine „radikale Verschränkung“ der zwei Werke. Darf man der Reaktion des Premierenpublikums Glauben schenken, scheiden sich an diesem Entschluss die Geister. Eine von grau dominierte Szene wird im „Zwerg“ von Velázquez „Las Meninas“ („Die Hoffräulein“) im Negativ beleuchtet, im „Gefangenen“ ist ein Inquisitor-Portrait nach El Greco, wodurch wohl zwei Charaktere der Opern als Schlüsselfiguren herausgehoben werden sollen. Das sehr statische Bild wird durch befremdliche, rätselhafte Elemente gespickt: so haben alle Hofdamen einen zwanghaften Tick, später sind es (im Gefängnis?) kleine Mädchen, ein stummer Gefangener taucht im „Zwerg“ , ein verängstigter Zwerg im „Gefangenen“ auf. Dazwischen wandern ein Riese und zwei demütige Priester über die Bühne. „Es sind nicht die schlechtesten Theaterabende, an deren Ende keine Ausrufe- sondern ein Fragzeichen steht“, erklärt Esterhazy im Programmheft. Ich möchte ihm im Allgemeinen recht geben, allerdings gilt es für mich zwischen definierten und reflektierten Fragezeichen und solchen ohne jeden Anhalt zu unterscheiden. Ist nämlich letztes der Fall, bleibt man mit einem unbefriedigten Gefühl zurück, das die Sinnhaftigkeit einer Inszenierung hinterfragt.

Weitere Informationen zur Oper unter:
http://www.oper-graz.com/production-details/der-zwerg-der-gefangene

Einen „Trailer“ zu den Opern gibt es unter:
https://www.youtube.com/watch?v=WaSsUZYIblA

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