Wenn Leistung alles ist

Wo die eigenen Grenzen liegen, bestimmt in jeder Disziplin jeder für sich selbst. Zumindest ist das das Bild, dass man als Zuschauer in „Beißen“, einer sehr körperlichen und aktiven Performance vom Hausregisseur Simon Windisch im TaO! Graz vermittelt bekommt.

Das Publikum betritt den Raum, der im Schwarzlicht ertrinkt. Man wird zu einer Schaubühne begleitet und von einem erhöhten Podest aus blickt man wie bei einem Boxkampf auf eine leere schwarze Fläche, angereiht mit halbleeren Wasserflaschen und Boxhandschuhen. Und man denkt sich: „Mögen die Olympischen Spiele beginnen.“

Der Scheinwerfer fällt auf eine junge Boxerin (Magdalena Honetseder), die sich mit gnadenlosem Blick und fester Überzeugung ihre schwarzen Handgelenksbandagen um ihre geballten Fäuste bindet. Das Publikum knirscht mit den Zähnen und ehe man sich versieht, holt sie aus zum ersten Schlag. Mit ihrer starken Schlaghand bewegt sie sich zu dem vorgegebenen Stakkato-Takt. Dem Publikum stockt der Atem.

Insgesamt werden fünf Disziplinen vorgestellt – von fünf jungen Athleten: Einer Balletttänzerin (Tatjana Walter), einer Gamerin (Miriam Hameter) und einem Akrobaten (Alexander Wychodil) mit sehr sicheren Capoeira-Bewegungen. Die TaO!-Produktion „Beißen“ zeigt fünf unterschiedliche Disziplinen vertreten von fünf jungen Menschen, die alle eins gemeinsam haben: Eine eiserne Disziplin und der Wille zum Sieg.

(c) C. Nestroy

Es kommt zum Wettkampf, es wird gekämpft, es wird gezockt, es wird gelacht und es wird geträumt. Man erwischt die Sportler beim Schwächeln, als sie alle am Boden liegen und ihren Tiefpunkt erreicht haben. Dies wird gekonnt inszeniert mithilfe einer Video-Projektion, die die Sportler zeigt, wie sie eine Packung Chips in sich reinstopfen, damit auch der innere Schweinehund was davon hat.

Auffällig bei dieser multi-medialen Inszenierung ist, dass es keine Handlung gibt und die Performance stark reduziert ist, zum Beispiel kommt sie so gut wie ohne Worte aus. Die einzigen wiederkehrenden Worte sind: „Es geht schon noch“ und eine Motivationsrede vom amerikanischen Profischwimmer Michael Phelps:

„Growing up for me as a kid, I made a lot of sacrifices. There were Saturdays and Fridays that I would have to give up because I had workout the next day. Do you think it was easy to climb a five foot tall wall? No! But I said to myself: I am going to do this and no one’s going t o stop me. I think that’s what seperates the good from the greatest.“

Die besagte Rede wird in Schleife immer und immer wieder von allen Darstellern zitiert, aber dies ist auch der einzige textähnliche Versuch im ganzen Stück. Jedoch, was dem Stück eher einen Abbruch tat, war die Starcraft 2-Spielerszene, die für Nichtspieler schwer nachzuvollziehen ist.

beissentao_c.nestroy_m3

(c) C. Nestroy

Aber auch Zweifel am Extremsport werden in dieser Performance verhandelt. Was, wenn Training nicht alles ist im Leben eines jungen Menschen? Gibt es nicht noch etwas außerhalb des Leistungsdrucks? Es muss doch mehr geben als hartes Training? Diese Gedanken scheinen der Boxerin durch den Kopf zu gehen, als man sie beobachtet, wie sie ihren Tagträumen verfällt. So fängt sie zum Beispiel an, ein Liebeslied zu trällern und sich in Pirouetten zu drehen wie eine Ballerina. Schlussendlich tut sie das, was kein Extremsportler wagt zu tun: Sie gibt auf und geht von der Bühne ab. Das Licht geht aus und das Publikum bleibt einen Moment mit Gänsehaut sitzen, bevor es in warmen Applaus ausbricht. An diesem schweißtreibenden Abend und bei dieser performativen Inszenierung gewinnen alle und es geht keiner als Verlierer nach Hause. Das Publikum hat sich entschieden „Beißen“ geht als Gewinner hervor. Respekt!

Weitere Vorstellungen.:

03. Apr.   12:00

05. Apr.   19:00

Für Neugierige gibt es einen Trailer:  https://vimeo.com/206753968

Mehr Informationen findet man unter: http://www.tao-graz.at/webpages/57d6b6f10414150cad000229

Foto: (c)  C. Nestroy

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s