„Die Einsiedler“ von Ronny Trocker – Wie es sein kann, zurückgezogen zu leben

Der Film „Die Einsiedler“ von Ronny Trocker handelt vom Leben von Marianne und ihrem Mann Rudl auf einem von ihnen betriebenen Bergbauernhof bzw. dem Leben ihres erwachsenen Sohnes Albert unten im Dorf. Diese zwei Lebensmittelpunkte, also Bergbauernhof bzw. Dorf, stehen dabei im Zentrum des Films, man könnte sagen, bipolar gegenüber.

Zu Beginn des Films holt Albert seinen Vater Rudl aus dem Krankenhaus ab, da sich dieser offenbar das Bein gebrochen hat. Er bringt diesen zurück auf den Hof und kehrt anschließend zurück ins Tal. Dort geht er seiner Arbeit in einem Marmorsteinbruch nach. Vom Chef für seine Verlässlichkeit geschätzt, wird der schüchterne, wortkarge Albert von seinen Arbeitskollegen, als einer der „von da oben kommt“, eher gemieden und bleibt lange Zeit im Film Außenseiter.

Währenddessen versucht oben am Hof der gebrechliche Vater Rudl das undichte Dach zu decken und verunglückt dabei tödlich. Marianne findet den Verunglückten. Aber anstatt den Todesfall zu melden, versucht sie den Unglücksfall zu verschleiern und begräbt Rudl kurzer Hand am Hof. Beim nächsten Besuch des Sohnes Albert fällt ihm natürlich das Fehlen des Vaters auf. Marianne darauf angesprochen, behauptet sie, dieser sei oben auf der Alm. Das Lügenkonstrukt hält sich jedoch nicht lange und nachdem er vom Tod seines Vaters erfahren hat, reagiert er entsprechend emotional, scheint aber das Stillschweigen nachvollziehen zu können. Albert sagt der Mutter Marianne, er möchte an den Hof zurückkehren, was diese ablehnt. Offenbar wünscht sie sich für ihren Sohn ein einfacheres Leben unten im Tal. Dies ist insofern nachvollziehbar, da man erfährt, dass die zwei Geschwister von Albert bei einer Lawine ums Leben gekommen sind. Marianne versucht also den Hof alleine zu führen, stößt dabei aber bald an ihre Grenzen. Einen Bergbauernhof zu zweit als „Die Einsiedler“ zu führen, scheint möglich, alleine als „Die Einsiedlerin“ offenbar nicht. Ihre Einsamkeit beim Essen oder Schlafen wirkt bedrückend und auch die schwere Arbeit, wie etwa das Melken, plagt Marianne. Als dann auch noch Mona, die Kuh, verunglückt, macht sie ihrem Ärger Luft und schießt kurzer Hand Jesus vom Kreuz. Danach erlöst sie mit dem Gewehr Mona von ihren Schmerzen und bringt auch die zweite Kuh, vermutlich das Kalb, um.

Als Albert Tage darauf dem Hof einen Besuch abstattet, findet er zunächst die toten Kühe und als er das Schlafzimmer der Eltern betritt, sieht er Marianne keuchend bei offenem Fenster im Bett liegen. Nachdem er Marianne mitteilt, dass er in sich entschlossen hat zum Hof zurückzukehren, haucht diese ihren letzten Atem aus. Albert entschließt sich anschließend, sowohl dem Bergbauernhof als auch dem Dorf den Rücken zuzukehren und seiner Liebe „Paola“, der ungarischen Köchin des Marmorbetriebes, nach Ungarn zu folgen.

Die Einsiedler 2

(c) Film Institut

Der Regisseur Ronny Trocker ist selbst in Südtirol, wo sein erster Spielfilm „Die Einsiedler“ spielt, aufgewachsen. Er kennt das Bergbauernleben insofern, da sein Onkel mütterlicherseits selbst einen Bergbauernhof führt/geführt hat. Die Wortkargheit, die sich durch den Film zieht, hat er, wie er in der anschließenden Diskussion bei der Premiere im Zuge der Diagonale 2017 sagte, von dort geerbt. Diese Wortkargheit ist ein schöner Kontrast zu dem tendenziell wortgewaltigen Schaffen vieler RegisseurInnen der heurigen Diagonale.

Dieser Kontrast fällt auch zwischen dem „wortkargen“ Regisseur Ronny Trocker und dem „wortgewaltigen“ Produzenten Arash T. Riahi (Golden Girls Filmproduktion) auf. Der Produzent Riahi, der ebenfalls an der anschließenden Diskussion teilnahm, ist mir aus populären oder populistischen Produktionen, wie „Everyday Rebellion“ oder der heuer anlaufende „Free Lunch Society“, bekannt. Umso erstaunlicher erscheint mir, dass zwei so unterschiedliche Persönlichkeiten so einen Film zusammen machen können.

Die Hauptdarsteller Ingrid Burkhard, bekannt aus „Ein echter Wiener geht nicht unter“ bzw. Andreas Lust, bekannt aus „Der Räuber“ oder „Schnell ermittelt“, haben beide keinen Hintergrund in Südtirol und mussten sich Dialekt vorab erarbeiten. Beide haben vor Ort recherchiert und spielen die Rollen im Film absolut glaubwürdig. Den Kontrast zwischen Bergbauernhof und Dorf erkennt man auch an den gewählten Bildern. Der Bergbauernhof ist stark in Erdtönen und dunkel gehalten, mit starken Strukturen, während das Dorf eher weiß und glatt, beispielsweise mittels weißem Marmor im Betrieb, geprägt ist. Der Sound unterstützt den Narrativen Stil des Films. Dabei werden Dialoge sparsam, entsprechend der „Wortkargheit“, eingesetzt.

Die Einsiedler 3

(c) Filminstitut

Der Film „Die Einsiedler“ ist nicht nur sehenswert, sondern einer der besten österreichischen Spielfilme der letzten Jahre. Das liegt daran, da er dem Zuseher/der Zuseherin einen interessanten Einblick in das Leben an einem (von Städtern „romantisierten“ Sehnsuchtsort) Bergbauernhof liefert, ohne es dabei zu idealisieren oder zu zerreißen. Er zeigt auf, was „Natur“ für BäuerInnen bedeutet und nicht für StädterInnen: Natur nicht als Freizeitort, sondern als „Ernährerin“ und gleichzeitig größter Feind im Überlebenskampf. Tiere erfüllen nicht die Funktion Wegbegleiter zu sein, sie erfüllen wesentlichere Funktionen, wie etwa zu ernähren, zu hüten, etc.. Dementsprechend heißt der Hund „Hund“ und nicht Rex, Susi oder Flaffi. Er ist ein, wie man sagt, Nutztier. Was nicht nützlich ist, wird entsorgt. Dies erscheint aus der städterischen Perspektive grausam, hängt aber auch mit dem modernen Komfort zusammen, es sich leisten zu können, Grausamkeit outzusourcen oder es nicht mehr sein zu müssen. Belegt wird im Film auch der Glaube am Land oder in der Einöd „Reden bringt nichts“. Im Film zeigt sich dies etwa in der Szene über den Tod des Vaters, als Marianne zu Albert in etwa sagt: „wennst es eh scho weißt, was fragst dann?“. Jegliche Kommunikation über Probleme wird entweder abgewürgt oder durch scheinbar logische „Ersatz“-argumente umschifft. Auch der am Land nicht unübliche Glaube „zum Doktor geht man, um zu sterben“ wird thematisiert. Offenbar scheinen Menschen vom Land oft eine hohe oder höhere Abneigung gegen ÄrztInnen, Krankenhäuser und/oder Schulmedizin zu haben als StädterInnen.

Diese und weitere Themen machen den Film zu dem was er ist. „Die Einsiedler“ ist nicht nur gut, sondern sehr gut und herausragend im Vergleich zu andern Filmen, die heuer auf der Diagonale liefen. Zu wünschen bleibt nur ein baldiger Kinostart in den österreichischen Kinos, damit noch viele ZuseherInnen den Film „Die Einsiedler“ zu Gesicht bekommen.

Weitere Informationen gibt es hier: https://www.filminstitut.at/de/die-einsiedler/?highlight=true&unique=1492104784

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