Von Lippenstift und Kokosnüssen

Derzeit wird im Haus Zwei des Schauspielhauses das Stück „Orlando“ nach dem gleichnamigen Roman von Virginia Woolf aufgeführt. Unter der Regie von Jan Stephan Schmieding erzählen die Schauspieler Henriette Blumenau und Mathias Lodd die Lebensgeschichte einer der wohl charismatischsten Figuren der Literatur.

Mit Glaskästen und großem weißen Tuch

Das Bühnenbild scheint simpel und kompliziert zugleich. Zu sehen sind mehrere Glaskästen, die stark an ein Museum erinnern. Unter jenen befinden sich, scheinbar wahllos verstreut, verschiedene Gegenstände. Wie sich im Laufe des Stückes herausstellt, hat jedes einzelne Taschentuch seine ganz bestimmte Bedeutung, die während der Vorstellung variieren kann. Ein Beispiel dafür sind die Kokosnuss oder das große weiße Tuch, das anfangs die gesamte Bühne bedeckt. Zuerst dient es als Bettdecke, dann wieder als stürmische See, bis es letztendlich als Rock seine finale Bedeutung findet.

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(c) Lupi Spuma

Ein Leben, mehrere Epochen

Ein elisabethanischer Adeliger namens Orlando verfällt während der kleinen Eiszeit einer russischen Gräfin namens Sasha. Als diese ihn nach einer kurzen, aber intensiven Affäre wieder verlässt, zieht sich Orlando in sein Landhaus zurück und versucht sich abermals als Schriftsteller. Um einer ungebetenen Verehrerin zu entfliehen, lässt er sich anschließend als Botschafter nach Konstantinopel versetzen. In dieser Stadt fällt der junge Mann in einen mehrtägigen Schlaf, aus dem er schließlich als Frau erwacht. Weder wird der Grund für diese mysteriöse Verwandlung weiter erläutert, noch führen die veränderten Umstände zu gröberen Komplikationen. Mit der Rückkehr nach London beginnt Orlando ihr Leben nun in vollen Zügen zu genießen. Tagsüber als Frau, nachts manchmal auch als Mann. Eine Nebenwirkung der plötzlichen Geschlechtsumwandlung scheint Unsterblichkeit zu sein. Die immer noch 36 Jahre alte Orlando entscheidet sich zum Beginn der viktorianischen Ära, mehrere hundert Jahre nach ihrer Verwandlung, für eine Heirat mit einem Kapitän. In dieser Epoche kommt es nun auch zur Veröffentlichung ihres Gedichtes „Die Eiche“. Dieses Werk hatte sie in ihrer Jugend begonnen zu schreiben und mehrere Jahrhunderte lang daran gearbeitet. Sie trug es immer bei sich und mit der Vollendung tritt eine gewisse Leere in ihr Leben.

Das Stück endet ursprünglich im Jahr seines Erscheinens 1928. Mit seinen nach wie vor aktuellen Themen wie Identitätskonflikt und gesellschaftliche Strukturen lässt sich allerdings ein Bezug bis in die Gegenwart herstellen.

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(c) Lupi Spuma

431 Jahre in knapp zwei Stunden

Um eine solche Zeitspanne auf die Bühne zu bringen, muss man mit einigen Tricks arbeiten. So werden manche Ereignisse mit einem einzelnen Requisit dargestellt. Die Schauspieler erzählen die Geschichte dieser einzigartigen Figur und zeigen dabei vollen Körpereinsatz. Ob sie waghalsig von einer Glasplattform zur nächsten springen, oder kopfüber von der Decke hängen, alles läuft perfekt koordiniert ab. Auch kurze Gesangseinlagen und kleine Exkursionen in die Gegenwart sorgen für Abwechslung. So wird das Kennenlernen von Orlando und dem Kapitän Marmaduke schnell und einfach mit dem Lied „Time’s a Wastin‘“ von Johnny Cash und June Carter dargestellt. Wer an einer ungewöhnlichen Reise durch die Epochen und einer faszinierenden Persönlichkeitsentwicklung interessiert ist, kann mit „Orlando“ nichts falsch machen.

Mehr Informationen unter: http://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/orlando

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