Vorsicht! Rutschgefahr

„Der thermale Widerstand“ feierte unter der Regie von András Dömötör im Grazer Schauspielhaus (HAUS ZWEI) Premiere. Zwischen Fußpilz und Heilfasten liefert die österreichische Erstaufführung vergnügliche Wortgewalt im Klima der Entspannung.

Die Elite hat es sich am Beckenrand des Thermalbades gemütlich gemacht und denkt nicht im Entferntesten daran, Platz für die Adiletten anderer Badegäste zu machen. Verwalterin Roswitha spinnt währenddessen ihre eigenen Pläne, denn ein Pakt mit der Investmentberaterin eines Softdrink-Konzerns, soll die Wellnessoase zu nie da gewesenen Glanz verhelfen und dem vermögenden Publikum noblen Badespaß bieten. Bademeister Hannes, die Personifizierung von Recht und Ordnung, erhebt indes Einspruch und kündigt mit dem Leitsatz: „Die Bäder denen, die baden gehen“, eine Revolte an. Doch nicht nur die Gemüter aller Beteiligten sind bedrohlich erhitzt, stellt der Geologe Dr. Folz fest…

Sind Sie denn völlig übergeschwappt?

Mit „Der thermale Widerstand“ setzt der österreichische Dramatiker Ferdinand Schmalz den letzten Stein und vollendet seine Triologie, die zuvor mit „am beispiel der butter“ und „dosenfleisch“ begonnen hat. Wie gehabt überlässt der vielfach preisgekrönte Schmalz dem Publikum kein seichtes Geplätscher, sondern schleicht mit dem Metzgerbeil um die Ecke ohne dabei auf gesalzenen Ausspruch zu vergessen: Die Phrasen sitzen und punkten mit abstrus-scharfsinniger Würze. Im Kern stets die Frage mitschwingend, ob Veränderung und Widerstand in heutigen Kontexten noch Bestand haben – wagt man es auch in Gewässer abseits des Nichschwimmerbeckens oder folgt man dem Ruf der Anpassung?

Die begrenzten Möglichkeiten des HAUS ZWEI werden mit einem vereinfachten Bühnenbild (Monika Annabel Zimmer) bestehend aus weißen Liegestühlen und dichten Rauchschwaden geschickt umsegelt – auch die Tribüne wird während der Inszenierung neu gestaltet, was jedoch zur Folge hat, dass einige irritierte Zuseher für geraume Zeit auf die Bühne verfrachtet werden und wie bestellt und nicht abgeholt warten, um ihren Platz nach der tektonischen Zerreißprobe wieder einnehmen zu dürfen. Die Darsteller (Nico Link, Anna Szandtner, Fredrik Jan Hofmann, Raphael Muff, Silvana Veit und Florian Köhler) verleihen dem Kurbad ein Gesicht und spielen vermeintlichen körperlichen Verfall ebenso selbstverständlich, wie sie kuriosen Sprechgesang stimmungsvoll einbetten und den Kampf gegen den untergetauchten Endgegner verkörpern.

der-thermale-widerstand

(c) Lupi Spuma

Aufstand proben – Ungehorsam zeigen:  „Der thermale Widerstand“ fügt sich in den Spielplan der Spielzeit 16/17 mit dem Themenschwerpunkt „Revolution“ nahtlos ein und ist als Gesamtpaket betrachtet durchaus wasserfest. Die Sammlung zeitgenössischer Dramatik darf sich um ein weiteres Stück ergänzt wissen, das man sich ohne „Wadenkrampf im Wasser“ zu Genüge führen darf.

Mehr Informationen gibt es hier: http://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/der-thermale-widerstand

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