Feuerrote Rafinesse – Nestroy lässt grüßen

Die Wiener Komödie des 19. Jahrhunderts gastiert im Grazer Schauspielhaus. Nestroys Gesellschaftssatire Der Talisman ist mit dem Thema Vorurteile aktueller denn je – und unterhält dabei grandios.

Die feuerrote Friederike hat einen Vorgänger. Bestimmt hat Christine Nöstlinger Nestroy gelesen, Johann Nepomuk Nestroy, seines Zeichens Doyen der österreichischen Komödie um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Stücke wie Der böse Geist Lumpazivagabundus und Höllenangst erheitern auch heute noch das Theaterpublikum – oder eben Der Talisman. Sie alle sind Gesellschaftssatiren, wobei sich die heutige Gesellschaft als Adressat genauso gut eignet wie Nestroys Zeitgenossen. Was hat das mit der feuerroten Friederike zu tun? Im Talisman geht es auch um einen Rotschopf, den seine Haarpracht zum Außenseiter macht – um zwei Rotschöpfe sogar: Salome Pockerl, die Gänsehirtin und Titus Feuerfuchs, der … Ja, Titus ist noch gar nicht wirklich was, und das soll sich jetzt ändern. Wenn da nur die Haare nicht wären. Die sind bei der Jobsuche nicht weniger hinderlich als heute ein Ganzkörpertattoo. Diese Erfahrung macht der junge Städter Titus am Gut der Frau von Zypressenburg.
Der Brunnen am Dorfplatz unter einem kahlen Baum plätschert friedlich vor sich hin, daneben einige zweckmäßige Holzmöbel und ein Fahrrad. Die Friedlichkeit trügt aber, denn die Gemüter werden ordentlich erhitzt, durch die feuerroten Haare von Salome und Titus. Erstere, mit Gummistiefeln und Brotmesser ausgestattet, kennt das Ausgestoßensein. Beim Tanzengehen am Kirtag ist sie nicht erwünscht. Dabei findet sie ihre besonderen Haare schön. Umso größer die Freude, als ein zweiter „Rotkopferter“ auftaucht, und verständlich, dass das Mädel da nicht nur rote Haare, sondern gleich rote Herzen sieht. Als der Jüngling den Mund aufmacht, ist es ohnehin um sie geschehen, so „g’scheit daherreden“ kann der. Clemens Maria Riegler beherrscht Titus‘ wortgewandtes Mundwerk, das vor aufgeblasenen Formulierungen nur so sprudelt, perfekt Da ist die Gänsehirtin „baff“. Sarah Sophia Meyer spielt die herzensgute und bescheidene Salome überzeugend. Sie nimmt sich sogleich um den Neuankömmling an, aber die von ihr angedachte Stelle als Knecht beim Bäcker bekommt er nicht. Titus fühlt sich ohnehin für höhere Weihen bestimmt. Praktischerweise rettet er den Friseur Monsieur Marquis vor einem Reitunfall. Franz Solar tritt im dunkelblauen Samtfrack auf, französelt wunderbar durch die Nase und schenkt Titus einen Talisman, der sich als Schlüssel zu seiner Karriere erweisen soll. Nach Überreichung einer Hutschachtel an seinen verdutzten Retter schwebt er geflöteten „Adieu“ und wehendem Frack von der Bühne – ein Genuss! Neben schauspielerischem Können lebt das Stück vordergründig von Nestroys Wortwitz rund um das Thema Haare. So ist der Friseur der „Kampelritter“ und Titus‘ Schicksal hängt an einem Haar.

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Titus gerät zwischen der Gärtnerin und der Zofe in die Enge. (Foto: Lupi Spuma)

Kohlrabenschwarz, strohblond und mausgrau

In der Schachtel befindet sich eine schwarze Perücke. Nach ein paar Sekunden der Enttäuschung geht Titus ein Licht auf und er begreift den Nutzen dieses Talismans. Nun beginnt ein Farbenreigen, der Titus auf Gut Cypressenburg bis ganz nach oben aufsteigen lässt. Dank seiner lockigen Haarpracht avanciert er vom Aufseher über das Gartenpersonal zum Jäger und schließlich zum Sekretär der Frau von Zypressenburg (Christiane Roßbach) und wandelt dabei stets auf den Spuren verblichener Ehemänner. Sowohl die Gärtnerswitwe als auch die Zofe Constantia verfallen ihm, und schließlich lullt er Frau von Zypressenburg, ihrerseits Schriftstellerin, mit literarischem Geschwätz ein. Es wird also reichlich kokettiert.
Die mit Liebe zum Detail gestaltete Bühne (Christin Treunert) dreht sich bei Titus‘ Aufstieg von Zimmer zu Zimmer und trägt zur Dynamik der Inszenierung bei. Doch Hochmut kommt vor dem Fall. Im Handumdrehen sieht er sich von drei heiratslustigen Verehrerinnen umgeben und macht ihnen allen Hoffnungen. Als ihm auch noch der Talisman abhanden kommt, ist die Katastrophe perfekt. In einer solch verfahrenen Situation kann nur noch ein „deus ex machina“ helfen. Zum Glück gibt es da den reichen Onkels und Bierversilberer Spund (Franz Xaver Zach), auch nicht vorurteilsfrei, aber gütig. Da sehen auch die Frauen nicht mehr rote Haare, sondern nur noch bares Geld, und alle wollen Titus wieder haben. Selbiger durchschaut nun aber, unter welch falschen, opportunistischen Leuten er gelandet ist. Nun weiß er, welche Frau tatsächlich zu ihm gehört.

Ablehnung des Ungewöhnlichen

Die Liebesgeschichte ist nur die Oberfläche des Stückes. Vor allem geht es um die Tendenz zur Vorverurteilung bestimmter Menschengruppen anhand von Äußerlichkeiten, die man von Rothaarigen leicht auf Flüchtlinge oder generell Menschen mit anderer Hautfarbe übertragen kann. Denkt man das weiter, gelangt man auch rasch zur vielerorts vorherrschenden negativen Bewertung von Muslimen. Nestroy gibt also das Thema vor – Vorurteile gegenüber Ungewöhnlichkeit – und liefert das Beispiel der Haarfarbe. Regisseur Dominique Schnizer behält das bei, holt das Stück aber mit Couplets von Ferdinand Schmalz und Musik von Bernhard Neumaier in die Gegenwart. Besungen werden dann beispielsweise die Debatte um die Verhüllung von Frauen, der Erfolg von Donald Trump als Macho, die Sensationsgeilheit mancher Medien, der jüngste Verlust eines Doktortitels in Graz und natürlich die Politik.
Susanne Konstanze Weber und Evamariasalcher bilden als Gärtnerin Flora Baumscheer und Zofe Constatia ein wunderbares Gegensatzpaar – resolut und ländlich die eine, streng schwarz gekleidet und überheblich die andere. Die Inszenierung ist locker, ohne der Spannung zu entbehren, und keineswegs zum Haareraufen. Ein sehr gelungener Theaterabend.

Link zur Veranstaltung: http://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/der-talisman

 

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