Klassischer Nestroy mit frechem Gesang

Mit „Der Talisman“ liefert Regisseur Dominique Schnizer keine mutige, aber eine sehr unterhaltsame Inszenierung. Diese beschert einen klassischen Nestroyabend. Klassisch sind sowohl Kostüme und Bühnenbild, wie auch die Darstellung der Geschichte an sich.

Die Geschichte ist schnell erzähl: Titus (Clemens Maria Riegler) hat sie satt die „inhumane Menschheit“, die ihn wegen seiner feuerroten Haare stets verspottet und ihm mit Vorurteilen begegnet. Als er einen Talisman in Form einer Perücke geschenkt bekommt, ändert sich mit der neuen Haarfarbe sein Schicksal. Die Frauen verfallen ihm reihenweise und auch die Karriereleiter kann er innerhalb eines Tages fast bis ganz oben erklimmen. Als der Schwindel auffliegt, wird er wieder verstoßen und nur die Nachricht, dass er offenbar viel Geld erben wird, ändert die Meinung der Menschen über ihn. Für Titus kommt die Erkenntnis, dass er mit diesen Leuten lieber nichts zu tun haben will, doch für den Rest, der seine Vorurteile nur durch Geldgier überwinden kann, bliebt die Einsicht aus.

Nestroys Themen sind damit nachwievor hochaktuell, beschäftigt sich das Stück doch mit Vorurteilen, Habgier und Egoismus. Erzählt wird das Ganze mit einer Schippe schwarzem Humor, der den ersten Inhalten eine gewisse Leichtigkeit verleiht. Das gut besetzte Ensemble sorgt beim Publikum für einige Lacher und bringt das Stück perfekt auf die Bühne. Vor allem Franz Solar als Monsieur Marquis sorgt mit seiner Darbietung und seinen verschiedenen Dialekten für ein amüsantes Theatererlebnis. Etwas zu übertrieben wirkt hingegen Tamara Semzov als Tochter von Frau von Cypressenburg, die leider gar nicht mehr aufhört zu Steppen und zu Grinsen.

Ansonsten sind die Übertreibungen, Witze und musikalischen  Übergänge gut gesetzt und schaffen einen kurzweiligen Theaterabend.

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(c) Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz

 

Besonders hervorzuheben sind die von Ferdinand Schmalz (Text) und Bernhard Neumaier (Musik) eigens für die Inszenierung verfassten Couplets. Diese werden nicht nur dafür genutzt, um die Übergänge zwischen den einzelnen Szenen unterhaltsamer zu gestalten, sondern vor allem auch um der Gesellschaft und der Politik einen Spiegel vorzuhalten. Hier geht das Stück weg von der klassischen Inszenierung und hin zu aktuellen Themen und Problemen. So singt die Gänsehüterin Salome beispielsweise darüber, wie schwer es Frauen in der heutigen Gesellschaft haben können und kritisiert vor allem die Doppelmoral bezüglich Bekleidungsvorschriften: Während die eine Frau bestraft werden soll, weil sie sich mit einem Kopf verhüllt, wird die andere abgemahnt, weil sie in sozialen Netzwerken ihre Nippel präsentiert. Denkt man an den jüngsten „Kopftuchsager“ von Bundespräsident van der Bellen und die damit ausgelöste Diskussion, merkt man, wie aktuell die angesprochen Themen sind. Das Publikum ist begeistert von diesem politischen Statement inmitten der nestroyischen Späße und es regnet Zwischenapplaus.  Mehr Zustimmung erhält nur noch Titus‘ Couplet im letzten Akt, in welchem er dem Zuseher ziemlich deutlich macht, dass er eindeutig „gnua hot“. Er hat genug von Spießbürgern und Ökoverfechtern, aber besonders vom Wutbürger, der maßlos schimpft und verurteilt, aber „red ma ihn an, schreit er nur Zensur“. Zum Schluss bekommt auch noch die Grazer Stadtregierung eins auf die Nase, wenn darüber gewitzelt wird, wie Elke Kahr versichert wird, dass „das Verkehrsressort wirklich das wichtigste Resort“ sei.

Die Inszenierung liefert somit abwechselnd nestroyische Unterhaltung und politische Statements. Somit handelt es sich bei „Der Talisman“ im Schauspielhaus um ein klassisch umgesetztes Stück, das viel Unterhaltung und viele Lacher bietet, aber auch zum Nachdenken über politische und gesellschaftliche Phänomene anregt und das Publikum zum Schluss noch darum bittet lieber außergewöhnlich zu bleiben, den Mund aufzumachen und sich zu wehren.

Link zur Veranstaltung: http://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/der-talisman

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