Norma – zwischen Pflicht und Leidenschaft

Vinzenzo Bellinis Tragedia lirica „Norma“ feierte am Wochenende Premiere an der Grazer Oper. Die Geschichte um die zwiegespaltene Druidin konnte musikalisch begeistern und erzählerisch mitreißen.

Auch ein von den Römern besetztes Gallien ist in der Oper vor Liebes(w)irrungen nicht sicher. Norma liebt Pollione, doch dieser ist Adalgisa verfallen, die wiederum zwischen ihrer Liebe zum römischen Prokonsul und ihrer Pflicht Norma und den Druiden gegenüber hin- und hergerissen ist. Gespickt mit anderen Motiven von Schuld und Ehre ist diese Dreiecksbeziehung die emotionale Triebkraft des Werkes. Das Trio wurde vom Grazer Ensemblemitglied Dshamilja Kaiser und zwei eingeflogenen Sängerkollegen gebildet: Medet Chotabaev als Pollione reiste aus Kasachstan an und die gebürtige Russin Irina Churilova war als Titelheldin zu erleben. Stimmlich durch die Reihen souverän, war es vor allem Dshamilja Kaiser als Adalgisa, die mit dem innigem Kern ihres Mezzo berühren konnte. Die Zerrissenheit der jungen Novizin wurde durch ihr leidenschaftliches, fast ungeduldiges Spiel aus Gesang und Darstellung grandios vermittelt. Irina Churilova sang die Norma zu Beginn zurückhaltend und steigerte ihr Volumen stetig mit der Verzweiflung ihrer Rolle. In der Anbetung an die „Casta Diva“ setzte sie auf Innigkeit beschwor so mit dem Chor der Oper Graz auf schlichte Weise den Zauber dieser unsterblichen Musik. Ein besonderer Genuss waren auch die gemeinsamen Szenen Normas und Adalgisas, in denen die beiden Sängerinnen mit ihren Stimmen feinfühlig aufeinander eingingen.

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Beschwörung der Mondgöttin, (c) Werner Kemtitsch

Medet Chotabaev stand in der Gestaltung des Pollione hinter seinen Sängerkolleginnen. Im Duett mit Adalgisa, als er diese überzeugen will für ihn ihr Amt zu verlassen, bekam seine Stimme mehr Charakter. Mit vielschichtigen dynamischen Kontrasten im Grazer Philharmonischen Orchester gestaltete Dirigent Robin Engelen die sich zuspitzende Leidenschaft dieser Szene besonders eindringlich. Als Normas Vater gab Tigran Martisossian den Oroveso mit mürrischem, aber schnurrendem Bass.
Die brodelnde Unruhe des gallischen Volks wurde durch eine zweckentfremdete Mehrzweckhalle als Bühne verdeutlicht. Eine verblaste Ikonenmalerei auf der Wand, ein rostiger Basketballkorb – überall ist der Verfall spürbar, die lähmende durch die feindliche Besatzung bedingte abwartende Untätigkeit. Die Inszenierung von Florentine Klepper verlor nie den tristen Unterton, auch wenn die rituellen Szenen durch ihr Arrangement eine Spur weit aus der bitteren Realität entführen konnten. Das Konzept der Kostüme, das von Alltags-, Pilger-, Krieger- bis Business-Kleidung reichte, wirkte darin etwas konfus zusammengestellt.

In Summe eine sehr stimmungsvolle Aufführung von Bellinis Meisterstück, um Norma kennenzulernen oder ihr auf neue Weise wieder zu begegnen.

Weitere Informationen zum Werk und weiteren Terminen unter:
http://www.oper-graz.com/production-details/norma

Ausschnitte aus der Premiere von „Norma“ sind am 14.04.2017 um 20:04 auf Radio Steiermark zu hören.

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