Die Revolution, eine Totgeburt ?

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(c) Lupi Spuma

Die Revolution ist am Ende. In großen, weißen Lettern prangt es von der Leinwand. Auf der Bühne greift der breitschultrige Darsteller zu seiner E-Gitarre und schmettert es mit rauer Stimme in den Saal. Der Abend beginnt, wie von Büchner selbst vorgesehen, mit dem Scheitern der französischen Revolution.

Klapp, klapp, klapp. Schweren Schrittes schlürft eine aus Holz geschnitzte Marionette ihrer Hinrichtung entgegen. Es ist der müde gewordene Danton. Sein Leben liegt in den Händen eines Puppenspielers, der keine Miene verzieht, als er das Fallbeil der Guillotine auf sein Opfer herabsausen lässt. Wie eine Trophäe hält er den vom Körper getrennten Holzkopf mit weit aufgerissenen Augen ins Publikum.Ein Kassettenrekorder begleitet die Enthauptung des ehemaligen französischen Revolutionsführers mit den erzürnten Schreien aufgebrachter Menschenmassen.

Dass der Enthauptete lediglich eine Puppe ist, und das Volk bloß eine Tonbandaufnahme, tut der verstörenden Wirkung keinen Abbruch. Im Gegenteil. Die Szene demonstriert die Machtlosigkeit eines Einzelnen gegenüber der Geschichte. Denn wie eine Marionette führt Danton aus, was ihm die Politik auferzwingt: „Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen; nicht, nichts wir selbst!“ Die Tonbandaufnahme wiederum kehrt die Sensationsgier des Volkes am Tötungsspektakel hervor.

Insgesamt ist es faszinierend, wie treffend die Hauptfiguren den Puppen auf den Leib geschneidert wurden. Der Handlungsverweigerer Danton wirft auf der Bühne mit Erde um sich. Lieber schaufelt er sich sein eigenes Grab, als weiterzukämpfen. Seine Frau Camille frönt der Sünde und entblößt ihr Dekolleté.
Der machtbesessene Robespierre hingegen steht unbeeindruckt vor seinem Redepult, um mit energischen Bewegungen die Gunst der Menge an sich zu reißen.
Und besonders beeindruckend: das Volk. Dutzende kreischende Mini-Marionetten baumeln vom selben Ast. Sie verkörpern eine vom Hass angetriebene Menschenherde.

Szenenwechsel.

Knallende Schüsse. Lautes Hupen.
Wie aus dem Nichts entpuppen sich drei der fünf Puppenspieler als Beauftragte des französischen Konvents. Debuisson, ein korpulenter und autoritärer Plantagenbesitzer (grandios: Julia Gräfner). Galloudec , ein pöbelhafter Bauer aus der Bretagne (exzentrisch: Florian Köhler). Und Sasportas, ein befreiter schwarzer Sklave (unbeugsam: Komi Mizrajim Togbonou). Ihre gemeinsame Aufgabe besteht in der Befreiung der Sklaven der britischen Kolonie auf Jamaika. Unter furchterregendem Geschrei bringen sie die zwei Theatermacher (Michael Pietsch und Raphael Muff) in ihre Gewalt: „Wir bringen den Menschen hier keine Theaterstücke, wir bringen ihnen Waffen!“

In Jamaica angekommen, finden die drei Revolutionäre menschenverachtende Zustände vor. Ein gusseiserner Käfig hängt von der Decke, zwischen den Gitterstäben kauert ein schwarzer Sklave mit nacktem Oberkörper. Darunter sitzt eine in unschuldigem Weiß gekleidete Adelsfamilie bei voll gedecktem Tisch.

Beim Tischgespräch stockt dem Zuhörer der Atem: „Sklaverei ist ein Naturgesetz, so alt wie die Menschheit. Warum soll sie aufhören?“

Die Rache lässt nicht lange auf sich warten. Getarnt als Puppentheater, just während der Vorstellung zu Dantons Tod, ermorden Debuisson, Galloudec und Sasportas die hochmütigen Weißen: Vater, Mutter, Tochter, einer nach dem Anderen bricht tot zusammen. Diese Demonstration roher Gewalt lässt den Zuschauer schlucken. Noch gibt es aber keine Verschnaufpause für schwache Nerven. Nach dem Gemetzel erhalten die Aufständigen eine niederschmetternde Botschaft aus Frankreich. Mit Napoleon an der Macht ist die Revolution gescheitert und ihr Auftrag somit hinfällig.

Und nun?

Galloudec und Sasportas wollen weiterkämpfen: „Solange es Herren und Sklaven gibt, ist unser Auftrag nicht beendet.“
Debuisson aber verrät seine Kameraden: „Revolution macht müde, Revolution ist eine Totgeburt.“ Nach diesem Todesstoß legt sich Sasportas eigenhändig einen Strick um den Hals. Reglos baumelt der ehemalige Revolutionär von der Decke.

Die Revolution ist tot.

Resümee
Beim Zeitpunkt seiner Erstveröffentlichung galt das Theaterstück Dantons Tod als unaufführbar, weil zu komplex und überwiegend aus Reden bestehend.  Regisseur Jan-Christoph Gockel stellte sich der Herausforderung. Er verpflanzte Büchners Werk in den Handlungsrahmen des Revolutionsdramas „Der Auftrag“ von Heiner Müller.
Die Verknüpfung ist geglückt. Inhaltlich sind die Parallen nicht zu übersehen. Während Debuisson und Danton jeweils an ihrer Lethargie scheitern, steigt Robespierre und Galloudec ihre ungezügelte Machtbesessenheit zu Kopf. Ihre Brutalität richtet sich letztendlich gegen sich selbst. Das alte Herrschaftssystem wird durch neue Despoten ersetzt.
Beide Stücke sind reich an gegenseitigen Anspielungen. Etwa wenn der Engel des Verrats auf jamaikanischem Boden über die Septembermorde der französischen Revolution klagt.
Trotz der Abwärtsbewegung der beiden Dramen gibt es immer wieder entschärfende (komische) Elemente – etwa wenn der große, starke Galloudec auf seinem Thron sitzend Mini-Marionetten durch die Gegend schleudert.
Die ausufernden Gewaltszenen am Ende hätte man kürzer halten können.
Ihre fesselndsten Momente hat die Inszenierung ganz zu Beginn mit der Auseinandersetzung zwischen Danton und Robespierre sowie in der ersten Hälfte des Auftrags mit dem Vorfinden der unmenschlichen Zustände auf Jamaica.

Dieser Kritikpunkt verblasst jedoch im Lichte brennender Fragen und Erkenntnisse, die das Stück aufzuwerfen vermag. Etwa warum Revolution so häufig zum Scheitern prädestiniert ist. Oder ob die westliche Einflussnahme in die geschichtliche Entwicklung eines anderen Kontinents rechtfertigbar ist.

So heißt es an einer Stelle: „Was taugen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, wenn sich Blutvergießen und Ausbeutung unter ihrem Deckmantel jahrhundertelang durchführen ließen und lassen?“

In Frankreich stürmte das unterdrückte Volk die Bastille. Vor den Grenzen Europas stehen heute Migranten aus Afrika und dem Nahen Osten.
Der Ruf nach den Idealen der französischen Revolution wird noch lange weiterhallen.

DER AUFTRAG: DANTONS TOD
Schauspielhaus Graz.
Zum letzten Mal: Donnerstag, 1. Juni um 19:30.

Für weitere Informationen hier klicken!

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