Wenn Realität und Traum zur Katastrophe kollidieren

Das Burgtheater Wien gastiert mit Werner Schwabs „Die Präsidentinnen“ am Schauspielhaus Graz. Regisseur David Bösch entfaltet mit drei genialen Schauspielerinnen das original Schwabische in all seiner Radikalität.

Schon das grandios gestaltete Bühnenbild (Patrick Bannwart) schreit förmlich: Schwab! Die hohe, enge Wohnung visualisiert die Sprach- und Gefühlswelt des Stückes perfekt. Heruntergekommen wäre eine Untertreibung. Über den Raum wacht ein Bildnis Kurt Waldheims. Das Kreuz an der Wand wurde zum K der Graffiti-Schrift „Fuck Mother“ umfunktioniert. Es ranzt an allen Ecken und Enden.

Inmitten der Kulisse sitzen Erna (geniale Mimik: Regina Fritsch), sparsame Mindest-Pensionistin mit Pelzhaube von der Mülldeponie und fabelhaft rollendem R, und Grete (schwülstig: Barbara Petritsch), ehemalige Diva mit blauem Lidschatten, den Hals geschmückt mit unzähligen Ketten. Daneben steht die Mariedl, mit krausem Haar und dreckigen Kleidern, und muss als Antenne für den Fernseher herhalten.

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Dvorak und Fritsch alias Mariedl und Erna. (Foto: Reinhard Werner/Burgtheater)

Gemimt wird die tiefreligiöse und psychisch angeschlagene Mariedl, eine der zentralsten Rollen in Schwabs dramatischem Werk, von Stefanie Dvorak. Sie durchzieht das Stück mit verwirrten christlichen Weisheiten und ist den Schlägen und Demütigungen ihrer Genossinnen hilflos ausgesetzt. Den Job als Klofrau macht sie „ohne“, und zwar ohne Handschuhe, und schildert die Reinigung der „Aborte“ voller „menschlicher Jauche“ so detailgetreu, dass es einem die Kehle zuschnürt und Übelkeit sich breitmacht.

Die Träumerei nimmt ein schwabisches Ende

Der erste Teil des Dramas ist der Realität gewidmet. Sie sind Frauen, die ihr Leben nur noch verweilen, denn es ist voll von Enttäuschungen. Ihren Kindern sind Erna und Grete überdrüssig geworden – der Sohn Alkoholiker, die Tochter nach Australien ausgewandert und dem „Verkehr“ verweigern sie sich beide. Regina Fritschs Tiraden über den enttäuschenden Sohn Hermann könnte man den ganzen Tag lang lauschen.

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Barbara Petritsch gibt die Grete zum Besten. (Foto: Reinhard Werner/Burgtheater)

Nach dem kurzen Umbau hängen Glitzergirlanden über ihren Köpfen; über ihre Träume erzählen sie weiter: Monolog um Monolog bewegen sie sich zwischen Graus, Komik und existentialistischen Überlegungen. Erna sehnt sich nach dem polnischen Fleischer Wottila, der sie mit Leberkäse und Schmalzbroten zu versorgen weiß; Gretes Herz gehört dem Hündchen und einem Tubabläser mit Vorliebe für Anales.

Das Stück nimmt seinen Lauf, und es wird klar: Wonach sich Mariedl wirklich sehnt, sind nicht Konservendosen in verstopften Toiletten, sondern Anerkennung und Entlohnung. „Meine Seele ist meine Schönheit“, sagt sie, und kann die Demütigungen der beiden nicht mehr ertragen. So entzieht sie Grete und Erna ihre Erzählungen und lässt Realität und Träume zur Katastrophe kollidieren. Monologisierend, auf dem Tisch stehend, die runde Lampe als Heiligenschein am Haupt, verendet sie im Angriff mit Tranchiermessern.

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Ein furioses Ende. (Foto: Reinhard Werner/Burgtheater)

Im Durchbruch-Stück des leidgeprüften Werner Schwab vermengen sich die harte Kindheit und das schwierige Verhältnis zur religiösen Mutter mit den Nachwehen der Waldheim-Affäre, es gibt einen gnadenlos radikalen Einblick in das Seelenleben der ganz Unteren. Der Ruhm des getriebenen Dramatikers begann mit den „Präsidentinnen“ im Jahr 1990; bereits 1994 fiel er seiner Alkohol-Sucht zum Opfer. Eine Inszenierung wie die von David Bösch und den drei kongenialen Darstellerinnen Dvorak, Fritsch und Petritsch ehrt seinen Nachlass. Der lange Applaus ist mehr als verdient.

Zur Burgtheater-Homepage.

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