Von Diktatur und Teufel

Im Rahmen des DramatikerInnenfestivals gastierte das Maxim- Gorki- Theater Berlin mit seiner Interpretation des Stücks „Mephistoland“ von Albert Benedek und Kornél Laboda in Graz und stellte damit dem Publikum und sich selbst die Frage, wie politisch Theater sein darf und sein muss.

Für rund hundert Besucher war Platz auf der auf der Hauptbühne aufgebauten Zuschauertribüne, von welcher aus man optimale Sicht auf den kleinen, dahinter aufgebauten Bühnenraum hat. Dieser erinnerte mit seinen roten Vorhängen, dem schwarzweißen Bodenmuster und der schwarzen Couch stark an die 90er Jahre Kultserie Twin Peaks, die gerade ihr Revival feiert. Anders als bei Twin Peaks, geht es bei Mephistoland aber weniger mystisch, dennoch mindestens genauso unheimlich zu. Das Stück lässt einen eintauchen in eine dystopische Zukunft, die einen gar nicht so unwahrscheinlich erscheint. Langsam macht sich ein diktatorisches System im Land breit. Die Diktatur beginnt schleichend und breitet sich mehr und mehr im Land und im Denken der Menschen aus. Antisemitismus und Homophobie werden zum leitenden Gedankengut und das Christentum wird als Waffe gegen das Böse verstanden, wenn dazu aufgerufen wird, wie der Heilige Georg mit „dem Feuerschwert des Friedens gegen die jakobinischen Kräfte vorzugehen“. Das Stück schafft es mit einer ganz eigenen Art von Humor und der brillanten schauspielerischen Leistung des gesamten Ensembles das Publikum trotz der ernsten Thematik immerfort zum Lachen zu bringen. Hin und wieder bleibt einem ein solcher Lacher dann aber doch im Halse stecken, wenn beispielsweise ein Patient im Krankenhaus aufgefordert wird, sein Hemd auszuziehen und auf seinem Rücken eine riesige Hackenkreuztätowierung sichtbar wird, der Arzt aber nur die wunderbare Rückenmuskulatur seines Patienten zu bemerken scheint.

Die große Frage, die im Rahmen dieser neuen Ordnung im Land gestellt wird, ist aber folgende: Wie politisch muss Theater sein? Vor allem die SchauspielerInnen, um die sich die Handlung des Stückes dreht, sind mit der Problematik konfrontiert, dass sie sich entscheiden müssen, zwischen den eigenen Werten und der eigenen Zukunft und Karriere. Während sich anfangs noch mithilfe einer Petition einstimmig gegen die neuen, von der Regierung eingesetzten Intendanten aufgelehnt wird, nimmt mit Zuspitzung der Lage der Widerstand ab. Als schließlich von führenden Kräften gefordert wird: „Die Welt muss sich spirituell erneuern und die Bühne muss damit anfangen“, gilt es für jeden für sich selbst herauszufinden, auf welcher Seite man stehen möchte.

Das Maxim- Gorki- Theater Berlin bringt mit „Mephistoland“ ein Stück auf die Bühne,  das auf den/die ZuseherIn lustig und erschreckend zugleich wirkt. Durch die Auseinandersetzung mit der Frage, ob Theater denn politisch sein müsse, beantwortet die Inszenierung von „Mephistoland“ die Frage selbst: Ja. Das Theater und seine SchauspielerInnen dürfen und müssen sich immer wieder politisch positionieren, um ihr Publikum zum kritischen Denken anzuregen. Mit dieser Aufführung ist das auf jeden Fall gelungen, denn spätestens als zum Abschied „Hört ihr wie das Volk erklingt“ aus Les Miserablés gesungen wird, ist klar, dass politische Fragen jeden betreffen und im Ernstfall das ganze Volk aufstehen und wütend sein muss.

Mehr Infos: http://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/mephistoland 

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