Achterbahn der Klänge

Es waren durchaus zwei äußerst denkwürdige Konzerte, welche dem Grazer Publikum am 06. und 07. November im Musikverein für Steiermark geboten wurden: Die Stuttgarter Philharmoniker unter Jan Willem de Vriend in Zusammenarbeit mit der renommierten Akkordeon-Virtuosin Ksenija Sidorova präsentierten Kompositionen, die so verschieden waren wie die sonoren Qualitäten, welche diesen entlockt wurden.

Zugegeben: Vor Konzertbeginn konnte man sich einer gewissen Skepsis nicht entziehen, als man im Programmheft las, es würde das Konzert für Cembalo in d-Moll BWV 1052 in einer Bearbeitung für Akkordeon aufgeführt werden, und selbst in der Pause schien das Publikum in zwei Hälften gerissen gewesen zu sein: Die einen fanden es großartig, die anderen unmöglich. Tatsächlich war diese Bearbeitung keineswegs „werkfremd“. Dieses Konzert liegt in verschiedensten Bearbeitungen vor, die von der Besetzung für Violine und Orchester, über die Einarbeitung von Teilen des Werkes in andere Kompositionen Bachs, bis zu einer Orgelversion reichen. Somit war diese Fassung lediglich ein neuer Zugang zu einer ohnehin stark wandlungsfähigen Komposition.

Es wäre aber keinesfalls übertrieben zu sagen, dass der Großteil der zuvor genannten Skepsis vor dem Konzert bereits nach den ersten paar Takten von BWV 1052 pulverisiert wurde: Das Akkordeon wirkte weder im Kontext des Orchesters, noch im Kontext der historischen Musiksprache Bachs als Fremdkörper, sondern fügte sich in beide perfekt ein, was zu einem guten Teil der Ausführung von Ksenija Sidorova am Akkordeon, sowie der eleganten wie wirksamen Orchesterführung Jan Willem de Vriends zu verdanken war.

Die erste Konzerthälfte war dennoch vollends Sidorovas Terrain. Vielen Musikfreunden wurde an diesem Abend wohl zum ersten Mal vorgeführt, zu welch differenzierten Klangqualitäten, zu welch einer feinen Phrasierung und zu welch sonoren Dynamikvarianten dieses Instrument fähig ist. Dies zeigte sich noch zusätzlich bei den Werken Astor Piazzollas („Libertango“ – „Oblivión“ – „Adiós Nonino“), wo Sidorova demonstrierte, dass sie in alter wie „neuer“ Musik eine großartige Kompetenz bildet. Dennoch wirkten die Tango-Kompositionen Piazzollas in den im Konzert aufgeführten Arrangements durch John Lenehan und Bob Zimmermann in gewisser Weise ihrer Individualität und Energie beraubt, was trotzdem den an de Vriend und Sidorova gerichteten (wohl verdienten) üppigen Applaus nicht zu mindern schien. Auch in einer Solozugabe Sidorovas mit dem Stück „Revelation“ von Sergej Voytenko wurde das Akkordeon nochmals in diverseste  Klangsphären geführt.

Die zweite Konzerthälfte des Abends bot ein eher traditionelles Programm mit Franz Schuberts Ouvertüre im italienischen Stil in D-Dur, D 590 und der Symphonie Nr. 1 in c-Moll von Felix Mendelssohn-Bartholdy op. 11. Doch auch hier wurden – wie bereits  zuvor – die Erwartungen zermahlen, denn falls im Publikum der eine oder die andere sich ein Ausklingen des Abends in galant frühromantischer Klangberieselung erhofft hatte, wurde dies durch de Vriend auf eine höchst berauschende Art und Weise durchkreuzt: Sowohl in Schuberts Ouvertüre als auch in der Symphonie Mendelssohns war jede Phrase von einer beeindruckenden Klarheit getragen und jede Klangmöglichkeit aus dem Orchester herausgeholt, sodass es praktisch zum Paradox einer heterogen homogenen Klangdisposition kam, wo jedes einzelne Instrument heraushörbar war, ohne die Gesamtheit des Orchesterklanges zu beeinträchtigen. Die formalen Aspekte der Kompositionen waren ebenfalls derart überzeugend herausgearbeitet, dass selbst eine Person, die beide Werke nicht kannte, nie wirklich im Hören verloren ging, sondern immer wusste, wo man gerade war, was umso beeindruckender ist, da angeblich die Stuttgarter Philharmoniker die 1. Symphonie Mendelssohn-Bartholdys zuvor noch nie aufgeführt haben.

Foto:  © Gavin Evans, DG

 

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