Kein Mensch muss müssen

Inszenierungen kanonischer Texte sind stets ein Balanceakt – die Ansprüche des heutigen Publikums müssen mit der Seele des Stückes unter einen Hut gebracht werden. Lily Sykes stellt sich mit „Nathan der Weise“, derzeit im Schauspielhaus Graz zu sehen, dieser Herausforderung.

Man wird nicht alle Tage von einem edlen Tempelherrn (Clemens Maria Riegler) aus den Flammen getragen. Selbstredend verliebt man sich als Gerettete, es handelt sich in diesem Fall um Recha (Maximiliane Haß), die Tochter des Juden Nathans (Werner Strenger), in solch einen edlen Herrn. Wenn da nur nicht die Konfession im Weg wäre, denn der Tempelherr ist Christ.

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Nathan der Weise (c) Lupi Spuma

 

Dass die Religionen verwandt und gleichberechtigt sind, zeigt sich aber nicht nur in der berühmten Ringparabel, die Nathan als ‚Märchen‘ zum Besten gibt, sondern besonders als die vertrackte Familienkonstellation ans Licht kommt: Recha ist eigentlich Christin und noch dazu die Schwester des Tempelherrn, der wird wiederum vom muslimischen Sultan (Nico Link) als Neffe erkannt. Und wenn so von den Religionen als Grund für Fehden und Intrigen gesprochen wird, dann zeigt sich: Diese Geschichte ist so aktuell wie eh und je.

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Nathan der Weise (c) Lupi Spuma

 

Bei der Inszenierung von Lily Sykes wird es dem Publikum trotzdem nicht ganz einfach gemacht, diesen Bezug herzustellen. Die Figuren bewegen sich in einem Meer von weißen und teilweise vom Brand geschwärzten Säulen. Als variable Elemente werden sie neu angeordnet, gedreht, beleuchtet und beklettert. Trotz dieser modernen und reduzierten Bühne (Jelena Nagorni), den schlichten Kostümen (Ines Koehler) und dem atmosphärischen Sound (Maren Kessler, David Schwarz), was der Zeitlosigkeit des Stoffes zu Gute kommen sollte, gelingt der Transfer nicht. Auch wenn Maximiliane Haß als temperamentvolle Recha und Werner Strenger als hingebungsvoller Vater überzeugen können, wirkt das ansonsten stets fantastische Ensemble, als würde auch sie die Inszenierung kalt lassen. Der Klassiker kommt so zwar in neuem Gewand auf die Bühne, überzeugt in dieser Form allerdings wenig.

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