Der Traum vom neuen Menschen

In „Kinder der Sonne“, das zurzeit in Haus 2 des Grazer Schauspielhauses zu sehen ist, wird das Drama des russischen Autors Maxim Gorki bearbeitet. Studierende der Kunstuniversität Graz verwandeln sich in einen pastellfarbenen Haufen aus exzentrischen Figuren und beweisen ihr Potential als Schauspieler.

 

KdS

(c ) Lupi Spuma

Der Regisseur und Autor Pedro Martins Beja entlehnt Teile der Handlung und die Figuren aus dem Drama Maxim Gorkis, in dem der russische Choleraaufstand von 1892 thematisiert wird. Beja versetzt das Drama in eine Zukunft, in der Chaos und Unruhe vorherrschen.

Im Zentrum steht Pawel, ein junger Wissenschaftler, der von der Vision vom „neuen“ Menschen regelrecht aufgefressen wird. Seine Zeit opfert er vollkommen für sein Projekt auf: das Schaffen eines roboterähnlichen Wesens, das als Mensch programmiert werden soll. Kein Wunder, dass sich seine Frau Jelena benachteiligt fühlt. Diese verkriecht sich in ihre eigene kleine Welt, in ihr märchenhaftes Gewächshaus. Dass sich die Welt nicht drinnen, sondern draußen abspielt, weiß zumindest Melanija, die sich unsterblich in Pawel verliebt hat und diesem als Mäzenin dient. Am liebsten würde sie ihm jederzeit zur Seite stehen. Als Hausfrau, Dienerin, Sklavin. Was macht es schon, Sklavin zu sein, wenn man dafür gleichzeitig Königin sein kann? Von dieser Einstellung hält ihr Bruder Boris, ein Tierarzt, gar nichts. Dieser zieht lieber mit einem Maß an Zynismus über Pawel und alle Menschen her. Lisa, die Schwester Pawels, wird völlig von ihren Gedanken eingenommen und kritisiert die Menschen im Allgemeinen. Im Zentrum ihrer Kritik steht jedoch Jegor. Dieser ist eine aggressive und gewalttätige Figur, der im Inneren eigentlich nur geliebt werden möchte.

Unbenannt

(c) Lupi Spuma

Die sehr verwirrende Figurenkonstellation fügt sich im Laufe des Stücks wie ein Mosaik zusammen. Mit der Zeit wird erkenntlich, wer in welchem familiären Verhältnis zu wem steht; wer wen liebt und wer wen nicht. Romantiker kommen in der Aufführung nicht auf ihre Kosten. Pawel liebt Jelena. Jelena ihn nicht. Melanija liebt Pawel. Pawel sie nicht. Boris liebt Lisa. Lisa möchte sich von ihm nicht lieben lassen. Zu der ohnehin schon komplizierten sozialen Situation kommt dann noch eine prekäre naturgegebene Situation hinzu. Alles endet im Chaos.

Die speziellen Frisuren und hellen Kostüme schaffen kunstvolle Figuren auf der Bühne. Das Bühnenbild ist trotz minimalistischer Grundlage eindrucksvoll. Gut gewählte Showeffekte bieten den Augen ein kleines Spektakel. Das Stück führt in ein philosophisches Gedankenwirrwarr, in dem über den Wert des Menschen und der Möglichkeit eines künstlichen, perfekten Menschen diskutiert wird. Ist der Mensch eine Bestie? Ist der Mensch gut? Sollte er durch einen neunen Menschen ersetzt werden? Aber was ist dann mit den alten Menschen? Die sehr emotional aufgeladenen Themen werden weniger von den Figuren miteinander besprochen – vielmehr schreien sie aneinander vorbei.

 „Kinder der Sonne“ lädt dazu ein, sich der Diskussion über die Existenz des Menschen hinzugeben. Die Aufführung kann noch bis Ende Jänner im Schauspielhaus besucht werden.

 

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