Belogen und betrogen

Molières Tartuffe mischt am Grazer Schauspielhaus die Familie des frommen Orgon gehörig auf. Markus Bothe inszeniert einen schillernden und höchst unterhaltsamen Niedergang.

Tartuffe ou l’Imposteur ist der ursprüngliche Titel des Stückes – Tartuffe oder Der Betrüger. Diesen religiösen, nur Gutes wollenden Tartuffe nimmt Orgon (Mathias Lodd) bei sich auf und durchschaut natürlich nicht, dass er sich einen Betrüger in die Familie geholt hat. Einen, der vorgibt, Ordnung im Chaos zu schaffen, in Wahrheit aber alles untergräbt. Spätestens bei dieser Charakterisierung lässt sich das im 17. Jahrhundert entstandende Stück mühelos in die heutige Zeit übertragen.

Über weite Strecken rast das Ensemble nur so durch die zugespitzten Verse Molières. Sprech- und Spieltempo zeugen von Unreflektiertheit und überhasteten, im Affekt gesetzten Handlungen. Da muss im Zorn von Orgons Sohn Damis (Simon Käser) schonmal der Teddy dran glauben, und da wirft sich Elmire, seine Frau, nach anfänglicher Abweisung doch dem charmanten Tartuffe an den Hals. Gespielt von Henriette Blumenau schlängelt sie sich anzüglich und kokett um den Wolf im Schafspelz. Ein uraltes Radiogerät sorgt für die passende musikalische Untermalung.

index

Elmire (Henriette Blumenau) umgarnt Tartuffe (Pascal Goffin)… (c) Lupi Spuma

Fromme Verblendung

Alle Familienmitglieder, und auch die Zofe Dorine (Julia Gräfner), tragen mit Goldpailletten besetzte Gewänder. Vor allem Orgon sieht vor Glitzer die Realität nicht mehr, und auch seine Mutter, Madame Pernelle, von Franz Solar als vornehme Dame mit federbesetztem Hut gespielt, ist Tartuffe verfallen. Orgons Huldigung des vermeintlich perfekten Mannes geht so weit, dass die Hochzeit seiner Tochter Mariane (Maximiliane Haß) mit ihrem Geliebten Valère (Florian Stohr) kurzerhand abbläst, stattdessen Tartuffe als Schwiegersohn will und diesen auch gleich zum Alleinerben erklärt. Man macht schließlich keine halben Sachen. Sein Schwager Cléante (Thorsten Danner) und Damis erkennen aber sehr wohl, dass dieser Tartuffe Dreck am Stecken hat. So hängt von Anfang an der Haussegen schief, wie die Bühne von Alexandre Corazzola, eine gewaltige Tafel mit weißer Tischdecke (die auch als Bettdecke fungiert) und gebrauchtem Geschirr.

Pascal Goffin spielt Tartuffe als aalglatten, Anzug tragenden Perfektionisten und Erbschleicher, der allerdings vergleichsweise wenig zu sagen hat und meistens der quirligen, impulsiven Familie die Bühne überlässt. Deren Mitglieder streiten fast nur und überbieten sich gegenseitig mit akrobatischen Abgängen vom hinteren Bühnenrand, um wenig später von eben dort schon wieder zu lauschen, was andere reden.
Marianes dreiste und gerissene Zofe Dorine ist offenbar die einzige, die den Durchblick behält (lauscht sie doch allzu gerne), und übernimmt das Heft des Handelns, um zu verhindern, dass Mariane „tartuffisiert“ wird. Das kostet ihr so manchen Tobsuchtsanfall ob des Unvermögens der ganzen Familie. Julia Gräfner spielt sie mit köstlich ungelenker Eleganz und perfekt platzierten Einwürfen, die die Komik des Stückes steigern.

index_1

… und Dorine (Julia Gräfner, rechts) ist das alles nicht geheuer. (c)

Geht doch noch alles gut?

Die erste Fassung des Tartuffe löste bei der Uraufführung 1664 einen Theaterskandal aus, und es sollte noch fünf Jahre dauern, bis Jean-Baptiste Poquelin alias Molière eine der Obrigkeit – damals Ludwig XIV. – genehme Version auf die Bühne brachte, die bis heute gespielt wird. Zu groß war damals der Einfluss der Kirche, deren Proponenten es nicht goutierten, wie der Autor übertriebene Frömmig- und Sittlichkeit durch den Kakao zog. Das heutige Theaterpublikum erfreut sich umso mehr daran, und die Spannung steigt, als sich im Finale die Bühne immer weiter Richtung Zuschauerraum neigt  und die Entscheidung bevorsteht: Siegt der Betrüger oder behält Dorine Recht mit ihrer Feststellung: „Das ging ja nochmal gut“?
Aus Sicht des Publikums ging es jedenfalls mehr als gut. Für alle, die Bothes Inszenierung des Cyrano der Bergerac in den Kasematten gesehen haben, war das wohl keine Überraschung, und auch das energiegeladene Ensemble hatte sich den begeisterten Applaus redlich verdient.

 

Link zur Veranstaltung: https://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/tartuffe/

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s