Am Fuße des Zauberbergs lauert der Krieg

Alexander Eisenach glückte am Grazer Schauspielhaus eine meisterhafte Inszenierung von Thomas Manns Epochalwerk Der Zauberberg über die großen Fragen des Lebens, über Krankheit und Krieg.

Auf mehr als 1000 Seiten schildert Thomas Mann zwischen 1913 und 1924 das Leben der Patienten im Davoser Lungensanatorium „Berghof“, wo der 24-jährige angehende Ingenieur Hans Castorp (Raphael Muff) aus Hamburg seinen Vetter Joachim Ziemßen (Clemens Maria Riegler) vor dem Eintritt ins Berufsleben für drei Wochen besuchen will. Ein vom unerbittlichen Dr. Behrens (Fredrik Jan Hofmann) entdeckter feuchter Fleck auf der Lunge sowie die Lieblichkeit einer gewissen Madame Chauchat (Sarah Sophia Meyer) tun aber ihr übriges, um den Erholungsaufenthalt des Jünglings in die Länge zu ziehen. „Wir kennen das Wochenmaß nicht“, wird er belehrt. Die kleinste Zeiteinheit ist ein Monat.

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Hans Castorp (Raphael Muff) inmitten der Sanatoriumsbewohner (c) Lupi Spuma

Wochen, Monate, Jahre?

„Die Geschichte Hans Castorps, die wir erzählen wollen, ist sehr lang“, bereitet denn auch Vera Bommer als erzählerisches „Wir“ das Publikum mit vielsagender Stimme auf einen besonderen Theaterabend vor. Monate werden es dann zwar nicht, aber immerhin dreieinhalb Stunden. Kurzweilige Stunden wohlgemerkt, in denen das Ensemble höchste Schauspielkunst zeigt und die Bühne (Daniel Wollenzin) technisch alle Register zieht.
Der Zauberberg ist ein Roman des Verfalls, des körperlichen wie des gesellschaftlichen. Die Patienten liegen in der Liegekur wie Leichen am Boden, kennen kaum wichtigere Lebensinhalte als ihre mit der „Quecksilberzigarette“ sieben Mal täglich gemessene Körpertemperatur, und wenn jemand Blut hustend auf dem Boden liegt, kümmert das niemanden. Gleichzeitig verschärft sich „unten“ die kriegerische Stimmung, und der Soldat Joachim sehnt sich danach, ins Feld zu ziehen. Die permanente Untergangsstimmung konterkariert Eisenach mit gewitzten Einlagen wie Interaktion mit dem Publikum und Auseinandersetzungen der in ihren Ansichten erbitterten Gegner Lodovico Settembrini (Florian Köhler) und Leo Naphta (Nico Link), wobei sich die Empörung mitunter so aufschaukelt, dass mit Spaghetti geworfen und zur Waffe gegriffen wird. Für Lacher sorgen auch die Naivität des frischen, gesprächigen Hans Castorp und das beherzte Zugreifen Dr. Behrens‘, wenn es darum geht, das Innere seiner Patienten zu ergründen.

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Settembrini (Florian Köhler) versucht, Hans Castorp (nicht im Bild) aufzuheitern. (c) Lupi Spuma

Große Fragen

Ist Krankheit ehrwürdig? Woraus besteht der Mensch? Was ist Zeit? Der Zauberberg ist auch ein hoch philosophischer Roman. Die Handlungsarmut wird durch Erörterungen elementarer Fragen des Daseins aufgefüllt, die das Ensemble brilliant umsetzt. Hans Castorp ist wunderbar verdattert und hin- und hergerissen ob der entgegengesetzten Positionen Settembrinis und Naphtas, Dr. Krokowski (Evamaria Salcher) spricht in hypnotisierendem Ton von Seelenzergliederung (Vorläufer der Psychoanalyse) und Madame Chauchat sinniert auf Französisch über die Freiheit. Damit verdreht sie Hans gehörig den Kopf, und es kommt zu einer der besten Szenen des Stücks, in der er voll Pathos ihren Körper beschreibt und erkundet, um ihr seine Liebe zu erklären. Clemens Maria Riegler tut sich wiederum hervor, als Joachim eine Begegnung von Hans und Madame Chauchat im Speisesaal schildert und dabei ihn und sie gleichzeitig spielt.
Eine sehr starke Komponente der Inszenierung ist die Symbolik. Ein Pferdeskelett gemahnt etwa an den bevorstehenden Krieg, und Naphta schultert buchstäblich das Kreuz der Menschheit, das später seinen Schatten auf die Bühne wirft. Deren Zentrum ist ein eleganter Salon, an den sich andere Räume, wie ein Schlafzimmer und ein Zugabteil anschließen. Die Unterbühne fördert so manche Überraschung zu Tage und sorgt für fließende Übergänge zwischen den Szenen. Äußerst eindrucksvoll sind auch die mittels Live-Kamera (Carmen Zimmermann) auf eine das gesamte Bühnenportal einnehmende Gazeleinwand übertragenen Close-up-Aufnahmen, die den Blick fürs Detail schärfen und das Spiel aus zwei Perspektiven gleichzeitig betrachten lassen.

Vom Schneetraum in den Krieg

Einzig gegen Ende verliert die Inszenierung an Dynamik. Hans Castorps Schneetraum ist vielstimmig, mystisch und bilderreich, aber dann dauert es, bis Mynheer Peperkorn (Franz Xaver Zach) auf den Zauberberg steigt, von „unten“ berichtet und langsam das Ende erahnen lässt, und dass es ein Ende mit Schrecken wird. Der Krieg reißt die Sanatoriumsbewohner aus ihrer seltsamen Welt, und Hans Castorp wird ihm zum Opfer fallen. Auf der Bühne liegen wieder Menschen, aber nicht in der Liegekur, und das Licht geht aus. Der Applaus hält lange an, und die Begeisterung noch länger.

Link zur Veranstaltung: https://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/der-zauberberg/

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