„Wir töten Stella“: Zwischen gelebter Lüge und getippten Wahrheit

Mit bedrohlichen Tippgeräuschen der Schreibmaschine beginnt die Geschichte des tragischen Todes einer jungen Studentin. Die Worte „Wir töten Stella“ erscheinen auf der Leinwand, dann idyllische Bilder eines grünbewachsenen Hauses und eines wunderschönen Gartens. Doch die Fassade des Hauses wird noch bröckeln. Die Hausfrau und Mutter Anna, die Stella aufgenommen hat, schreibt sich Stellas tragische Geschichte und somit auch ihre eigene von der Seele und versucht sich somit von ihrer Mitschuld an ihrem Tod reinzuwaschen.

Keine leichte Kost ist der Kinobesuch, denn so bedrohlich wie der Film „Wir töten Stella“ beginnt, hält er die Spannung und steigert sich mit dramatischen, gar herzzerreißenden Sequenzen, die das Leiden von Stella (Mala Emde) und Anna (Martina Gedeck) zeigen. Marlen Haushofers Novelle aus dem Jahr 1958 wurde von Julian Roman Pölsler verfilmt und bei der Diagonale 2018 ausgestrahlt. Die von der Frauenbewegung wiederentdeckte Autorin ist vor allem bekannt durch ihren Roman „Die Wand“. Abermals thematisiert Marlen Haushofer das Leben einer Frau in einer Männergesellschaft. Die Hausfrau und Mutter Anna nimmt auf Wunsch ihrer Freundin dessen Tochter Stella zu sich auf. Obwohl die junge Studentin zuerst einfach keinen Platz in der 4-köpfigen Familie findet, kann sie sich mit der Zeit doch langsam eingliedern. Vor allem nachdem die zurückhaltende und grau gekleidete Stella von Anna neue Kleider bekommt, scheint sie aus sich herauszukommen und aufzublühen. Auch der sonst sehr passive Vater, Richard (Matthias Brandt), scheint erstmals Stella wirklich wahrzunehmen und als Teil der Familie zu sehen. Anna hegt immer mehr den Verdacht, dass ihr Ehemann eine Affäre mit der jungen Studentin hat, doch sie schweigt, um die Illusion einer glücklichen Familie weiter zu leben. Während die kleine Tochter in Stella eine neue Spielgefährtin gefunden hat, scheint sich der Sohn, Wolfgang, aus dem Familienleben völlig rauszuhalten. Die Düsterheit vom Anfang des Films schwindet nie, denn Annas Stimme aus dem Off erinnert immerfort an das Ende, als sie Stellas Leiche nach einem Unfall identifizieren muss. Und tatsächlich, Stellas Gefühlshoch wird sobald von einer tiefen Trauer abgelöst, die wahrscheinlich daher rührt, dass der Vater die Affäre mit Stella beendete. Oder steckt doch etwas anderes dahinter?

Wir töten Stella

© Cineplexx

 

Schriftliche Aufarbeitung des Geschehens

Während Anna die Geschichte aufschreibt, muss sie sich das wohl ehrlichste und schwierigste Eingeständnis machen: sie war eifersüchtig auf Stella. Vielleicht ist die Eifersucht der Grund, warum Anna schweigt als Richard einen Blick auf das junge, attraktive „Frischfleisch“ wirft. Die Off-Stimme von Anna gesteht: „Ich hätte mehr für Stella tun können“. Ein weiterer Grund für ihr Schweigen könnte auch die Angst vor ihrem eigenen Mann sein, der abends besitzergreifend seine Hand unter ihren Kopf legt oder ihr euphorisch, aber bestimmt beim Abendessen sagt „Du gehörst mir.“

Gefangen im eigenen Haus

Statt wie in Marlen Haushofers wichtigstem Werk „Die Wand“ ist die Protagonistin hier nicht gefangen hinter einer unsichtbaren Wand im Wald, sondern in ihrem eigenen Haus. Gänsehaut verursacht die Traumszene, als Anna in einem blauen Kleid abends mit gepacktem Koffer versucht aus ihrem Haus und von ihrem Mann zu fliehen und kreischend vor einer unsichtbaren Wand, die das Haus umhüllt, an ihrem Ausbruch gehindert wird. Die Schuld auf Annas Schultern ist so groß, dass sie von schrecklichen Gedanken und Träumen gequält wird. Ihr scheinbar einziger Weg aus diesem Gefühlschaos ist die Verschriftlichung von Stellas Geschichte. Doch umso mehr sich Anna ihre Schuld eingesteht und mit offenen Augen auf ihre Familie blickt, desto mehr verharrt sie in der Idee, dass sie und ihr Mann Richard Schuld an Stellas Tod tragen.

wir töten stella 4

© Falter

 

Bezug zur Gegenwart

Durch den Wechsel von der Schreibmaschine zum Ipad, wird Bezug zur Gegenwart hergestellt. Der Wechsel von den 50er-Jahren zur heutigen Zeit hätte die Chance gegeben auch den Vater psychologisch etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Denn die Frage stellt sich, ob das klischeehafte Bild von Mann und Frau auch heute noch in dieser Art und Weise dargestellt werden kann. Der Thematik nimmt dies aber nicht die Rezeptionsbedürftigkeit. Anna selbst beschreibt ihre Familie als 2 Parteien, zum einen das Vater-Tochter- und zum anderen das Mutter-Sohn-Gespann. Die Tochter ist für Richard seine kleine Prinzessin, der er nur schwer einen Wunsch ausschlagen kann. Anna schwelgt in Gedanken über ihre Kindheit, als auch sie unschuldig und bewundernd zu ihrem Vater aufblickte. Während Richard unbeteiligt am Familienleben meist nur seine Tageszeitung liest und als frauenverschlingender Bösewicht darstellt wird, steht der von der Mutter über alles geliebte, sensible Sohn, Wolfgang, im völligen Kontrast zu ihm. Während er seinem Vater gegenüber übertrieben höflich und reserviert auftritt, teilt er mit seiner Mutter eine unausgesprochene, aber tiefe Verbindung. Er scheint ihr Leiden zu sehen und wie sich zum Schluss herausstellt, verfolgte er auch Stellas Leiden von Anfang an mit. Als Anna Videoaufnahmen auf Wolfgangs Computer entdeckte, konnte sie ihre Augen nicht länger vor der Wahrheit verschlossen halten. Die Aufnahmen zeigen Stella weinend sitzend am Klo, von Richard zum Sex bedrängt und Richard und Stella vor einer Abtreibungsklinik. Es stellt sich also heraus, dass der zuvor teilnahmslose Sohn, von Anfang an die verschleierte Wahrheit kannte. Einen Hinweis darauf gab er, als Mutter und Sohn gemeinsam das Theaterstück zu Ilias von Homer lasen und Wolfgang betonte, er würde lieber die mythische Figur Kassandra beim Schultheater verkörpern. Zum Schluss stellt sich heraus, dass er von Anfang an all die unausgesprochenen Intrigen durchschaute, doch, gleich wie die unerhörte weissagende Kassandra, konnte auch er kein Gehör finden.

wir töten stella 3

© cinema.de

Eines ist sicher, dieser Kinobesuch bleibt auch am nächsten Tag noch hängen. Der Kontrast zwischen den hellen, idyllischen Bildaufnahmen und den düsteren Szenen könnten besser nicht inszeniert worden sein. Besonders schön ist die Darstellungen von den drei weiblichen Figuren, erstens der kleinen, unbeschwerten Tochter, zweitens der wunderschönen, noch unangetasteten und dann zerstörten jungen Stella und drittens der bereits geprägten, erwachsenen Anna. Gemeinsam stellen sie ein generationsübergreifendes Bild der Frau in einer männerdominierten Gesellschaft dar, deren Lebensweg vorbestimmt und vom Mann kontrolliert wird.

 

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