(c) Lupi Spuma

Fotografien des Verdrängten

Anonym zugeschickte Bilder stürzen Jeskos Leben sowie dessen Erinnerungen an die Jugendzeit in große Unsicherheit, denn er selbst ist auf den Fotos zu sehen- nackt. Das Theaterstück, verfasst vom Autor Thomas Melle, beschäftigt sich mit dem Umgang mit sexuellem Missbrauch an Männern und wird derzeit im Schauspielhaus Graz unter der Regie von Claudia Bossard aufgeführt.

Was habe ich erlebt? Was hat meine Jugend mit mir gemacht? Bilder kommen in mir hoch, sobald ich an diesen Komplex denke. Bilder, vor denen ich ausspucken möchte. Die mich auffressen. Dabei bin ich doch selbst drin in diesen Bildern. Ich bin Teil des Bildes.

Zweimal bekomme man die Opferrolle zugeteilt, teilt Jesko den Zuschauenden mit. Das Stück zeigt auf, dass die erneute Beschäftigung mit dem damals erfahrenen Leid mindestens ebenso zermürbend und belastend sein kann wie das Erlebte selbst. Die zugesandten Bilder lösen in ihm tiefe Zweifel über die eigene Vergangenheit im Internat aus. Um Klarheit über die Handlungen von Pater Stein und Jeskos eigene Rolle in den Geschehnissen zu erlangen, tritt er in Kontakt mit drei ehemaligen Mitschülern, die laut eigener Erinnerung ebenfalls außerordentlichen Kontakt zum Pater hatten.

Pater Stein wohnte gemeinsam mit der Unterstufe am Internatsgelände. Missbrauch war auf systematische Weise jahrzehntelang unter anderem durch ihn geschehen. Seine Machtposition nützte er schamlos zur persönlichen Befriedigung aus. Er verhängte Strafen, wie beispielsweise das Reinigen der Dusche unter seinen Blicken -unbekleidet. Kleinweise wurden bewusst Grenzübertretungen gesetzt, immer ein Stückchen mehr. Die Jungen wurden nackt im Park fotografiert. Diese geknipsten Fotografien wurden Teil seiner Privatsammlung.

Ein Geheimnis ist ein innerer Ort der Einsamkeit, der sich ausbreiten kann wie ein Brandherd, wenn man ihn lässt.

Die vier Charaktere weisen völlig unterschiedliche Bewältigungsstrategien auf. Obwohl es Jesko zu Beginn ein dringendes Bedürfnis ist, der Vergangenheit auf die Spur zu kommen, Erinnerungslücken aufzufüllen und die drei Männer zu befragen, schreckt er doch zurück vor den Wellen, welche die empfangenen Bilder werfen. Mehrere Monologe unterstreichen seine skeptische, teils abwehrende Haltung. Er mahnt die anderen, jeden Schritt zu planen, nichts zu überstürzen und scheint sich insgeheim nach dem Vergessen zu sehnen.

Wieso erinnere ich mich nicht? Woran? Klar erinnerst du dich, du doch auch. Wir alle erinnern uns, aber wir wollen es nicht.

Während Jesko, wie um es sich selbst glaubhaft zu machen, wiederholt meint, dass es sich ja nur um Fotografien handle und ihm doch nichts passiert sei, reagiert Malte wutentbrannt und entsetzt. In seinen Augen seien die Bilder eindeutig Übergriffe. Diese wolle er sehen, um zurückbekommen, was ihm damals genommen wurde. Johannes, der inzwischen erfolgreicher Anwalt ist, betont, dass er nicht besonders erschüttert sei. Konstantin, dessen Leben in anderen Bahnen verlief und nicht von beruflichem Erfolg geprägt war, hält sich anfangs mit Erzählungen zurück. Das Publikum erfährt zwar, dass er in einer tiefen psychischen Krise steckt. Wie eng diese jedoch mit den Geschehnissen im Internat verstrickt ist, ja sogar ihren Ursprung hat, wird erst zum Ende hin deutlich. Er habe auf diesen Augenblick gewartet, sein Scheitern sei in Wahrheit nur ein Warten gewesen.

Die vier hadern mit der folgenschweren Frage, ob sie mit der Geschichte an die Öffentlichkeit gehen sollen. Ein bedrückender Gedanke kommt auf: selbst wenn der Wunsch da wäre, den Pater zu konfrontieren, wäre dies wohl schwer durchführbar. Dieser wird anfangs als Demenzerkrankter betitelt, später wird man davon in Kenntnis gesetzt, dass Stein bereits gestorben sei. Vorstellbar, dass es dadurch noch schwieriger ist, sich endlich von der schweren Last zu befreien. Denn wohin damit, wenn diese nicht mehr an den Täter geschickt werden kann?

Das Bühnenbild unterstreicht die Dynamik der Handlung. Schnappschüsse geben kurze Einblicke in die Gedankenwelt der Charaktere, für einige Zeit wird es oft gleißend hell auf der kleinen Bühne- wie durch das Blitzlicht einer Kamera. Die darauffolgende Dunkelheit hüllt das Ungesagte und Verborgene ein. Vermutlich ist dies ein verbildlichter Vergleich mit der Wesensart von Erinnerungen; Teile davon sind zugänglich, Vieles hingegen bleibt verschüttet und im Dunklen. Die Szenen und erlebten Momente scheinen als rekonstruierte Bilder des Gedächtnisses auf, sind aber keinesfalls als vollständige Abbildung einer damaligen Realität und absoluten Wahrheit zu verstehen.

Das Theaterstück beschäftigt sich mit einem brisanten und nach wie vor hochaktuellen Thema. Thomas Melle selbst war bis zum Abitur Schüler im Aloisiuskolleg in Bad Godesberg, in dem Missbrauchfälle bekannt wurden, die seit den fünfziger Jahren und bis 2005 geschahen. Diese wurden erst 2010 öffentlich gemacht und teilweise aufgearbeitet. Zahlreiche Gedanken drängen sich während des Zusehens auf, einige Fragen bleiben unbeantwortet. Unsicherheit, Verwirrung, Ratlosigkeit und Wut finden gleichermaßen ihren Platz und schlagen sich atmosphärisch sowie sprachlich in diesem sehenswerten Stück nieder.

Weitere Veranstaltungstermine im HAUS ZWEI finden an folgenden Tagen statt: 05. April, 24. April, 05. Mai, 14. Mai, jeweils um 20:00.

Für weitere Informationen zur Veranstaltung: https://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/bilder-von-uns

Link zum YouTube- Trailer: https://www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=RGJJU-0ZCuY

 

 

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