Die ekelhafte Spitze des Eisbergs

Regisseur Markus Bothe, die Tiger Lillies unter der musikalischen Leitung von Sandy Lopičić und ein gesanglich wie darstellerisch fabelhaftes Ensemble machen Wedekinds „Lulu“ am Schauspielhaus Graz zu einem mörderischen Musiktheater.

Männer wie röchelnde Hunde – und die unschuldig wirkende, stimmlose Lulu mit blonden Locken am Kopf in der Mitte. „Lulu“ von Frank Wedekind – das ist alles andere als schön anzusehen. Es ist ein tödliches Machtspiel zwischen den Geschlechtern, das in der Version von Markus Bothe nicht die moralischen Grenzüberschreitungen der Lulu, sondern die Männer als alles kontrollierende und sich schließlich selbst richtende Lustmolche darstellt.

Unter denen ist einer abstoßender als der andere: Der anrüchige Conférencier (Jörg Thieme) im Frack teilt Befehle aus, Andri Schenardi als abgeleckter Schwartz zieht seine Haut der Lulu über, Rudi Widerhofer als der fette Dr. Goll und Clemens Maria Riegler als dessen Sohn Alwa geben ein ekliges Duo ab und Mathias Lodd als Shunning ist regelrecht zum Gruseln. Gemeinsam bilden sie eine abartige Front der Männlichkeit. Es braucht flaschenweise Kunstblut, um sie ins Grab zu verbannen.

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Mathias Lodd und Julia Franz Richter in „Lulu – Eine Mörderballade“ Foto: Lupi Spuma (2)

 

Im Puppenhaus auf der Bühne wandert Lulu von Zimmer zu Zimmer, von Mann zu Mann. Eine schöne Allegorie, denn Julia Franz Richter ist in ihrer präsent gespielten, tragischen Titelrolle (zunächst) stumm und wird wie eine Puppe umhergeschoben. Auf der sich drehenden Bühne stöckelt und taumelt sie auf ihren mörderischen High Heels umher, versucht, ihr wahres Ich unter einer grellpinken Perücke zu verstecken, um sich nicht noch angreifbarer zu machen. Doch es ist zu spät. Als sie am Ende ihre Stimme findet – und die haut alle um! – ist sie bereits zerstört.

Die Tiger Lillies und Sandy Lopičić führen in 18 Songs musikalisch durch Wedekinds skandalöse Mörderballade, bei denen einer intensiver als der andere ist. Die hohlen Figuren werden durch den (großartigen!) Gesang nicht tiefer, das müssen sie auch nicht – sie sind Personifikationen, die überzeichnete Spitze des Eisbergs einer sexistischen Gesellschaft. Und das tut weh.

Infos und Termine

 

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