(c) Lupi Spuma

Ein Ungeziefer auf dem Weg ins Glück – die kafkaeske Metamorphose als Befreiung?

Das Vorstadttheater ist zu Gast im Schauspielhaus Graz. Ed Hauswirth inszeniert Franz Kafkas „Die Verwandlung“ mit Matthias Ohner auf der Bühne in Haus 2.

Von Philipp Schöller

Der Hauptdarsteller betritt die Bühne. Er trägt einen kastenförmigen Anzug, hat zurückgelte Haare und setzt sich an einen kleinen Tisch in der Mitte der Bühne. Ein Overheadprojektor und ein alter Kassettenrekorder stehen darauf, daneben ein Mistkübel. Mehr braucht das Vorstadttheater nicht, dass für sparsame und effektvolle Inszenierungen bekannt ist.

Gregor Samsa träumt nicht als er eines morgens in seinem Zimmer in der elterlichen Wohnung erwacht und mit erschrecken feststellen muss, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Der 30-jährige Tuchhändler, hat sich in ein Ungeziefer verwandelt. Sein Körper ist zu einem Panzer geworden. Statt Händen und Füßen hat er mehrere Beinpaare und zwei enorm starke Fühler. Warum oder wieso er sich verwandelt hat, weiss er selbst nicht. Das spielt aber auch keine Rolle, denn es klopft bereits an der Tür – die Mutter ruft nach ihm! „Greeegoooor“; ruft sie leicht besorgt und zugleich auch bestimmend. „Was ist los mit dir?“; fragt sie, denn er sollte schon längst im Zug sitzen und am Weg aus der Stadt sein. Aber wie sollte er in diesem Zustand nur den Zug erreichen? Die Mutter klopft erneut an der Tür, dann der Vater, später leise die Schwester die sich um ihn sorgt und fragt ob es ihm gut gehe. Aber auch der Prokurist ist vorbeigekommen um zu sehen was mit Gregor sei, denn er hatte noch nie den Zug versäumt. War ihm die Arbeit nicht mehr wichtig? Er hatte ja versucht aufzustehen und sich anzuziehen, aber es ging einfach nicht. Gregor hatte sich in ein Ungeziefer verwandelt und sein gewohntes und scheinbar intaktes Leben wurde dadurch beendet. Die Kommunikation mit seiner Familie ist unmöglich geworden. Gregor kann sie zwar verstehen, jedoch versteht die Familie ihn nicht mehr. Dies kristallisiert sich immer deutlicher im Laufe des Stückes heraus. Vor allem der Vater sieht Gregor nicht mehr als Sohn an, sondern als Ungeziefer, dass er sogar attackiert. Gregor wurde vom einst wichtigen Bestandteil der Familie, durch seine Veränderung, zum Außenseiter.

Matthias Ohner der sowohl als Erzähler der Geschichte, als auch als Gregor selbst, fungiert beschreibt dem Zuseher zunächst den Vorgang der Verwandlung. Kleine Zeichnungen, die durch den Overheadprojektor für das Publikum sichtbar an die Wand projiziert werden, stellen die Metamorphose und die damit entstandenen Probleme dar. Die Familienmitglieder werden mittels Kassettenrekorder abgespielt und verdeutlichen dadurch unterschwellig die entstandene Distanz, zwischen Gregor und seiner Familie. Aber auch der Darsteller selbst verwandelt sich im Laufe des Stückes immer mehr. Er wickelt Klarsichtfolie um Gesicht und Körper, um sich die Menschlichkeit zu nehmen und die Metamorphose deutlicher darzustellen. Bis zum Schluss nur mehr die Folie am Boden liegt. Gregor, das Ungeziefer, ist tot.

Franz Kafkas Metamorphose ist mittlerweile über hundert Jahre alt, dennoch beinhaltet die Geschichte, ein Thema das so zentral ist wie noch nie – Veränderung. Gregor scheint ein intaktes und geregeltes Leben zu führen, durch eine mysteriöse und zugegebener Maßen drastische Veränderung wird sein Leben und auch das seiner Familie auf den Kopf gestellt. Es wird deutlich, dass die Familie damit nicht umgehen kann und durch die Sprachbarriere auch nicht versucht mit dem neuen Gregor – dem Ungeziefer – in Kontakt zu treten. Regelrecht verstoßen und attackiert von der eigenen Familie, beschließt Gregor für sich, dass Leid zu beenden.

Die „one-man-show“ des Hauptdarstellers zeigt deutlich, in welch schwieriger Situation sich Gregor befindet und welch leidvollen Weg er seit der Verwandlung geht. Das Stück lebt durch die Präsenz von Matthias Ohner und den spärlichen Requisiten, die punktgenau eingesetzt werden. Voller Körpereinsatz der sich auszahlt und keine weiteren Darsteller vermissen lässt.

Mehr Infos zu dem Stück hier

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