Das Ende am Anfang oder der Anfang vom Ende

Die Demokratie steht vor dem Aus, Qualitätsjournalismus ist nicht mehr zeitgemäß, Twitter frisst Zeit und Unabhängigkeit. Der Untergang des österreichischen Imperiums oder Die gereizte Republik ist eine Koproduktion zwischen dem Grazer Theater im Bahnhof und dem Wiener Theater an der Gumpendorfer Straße, die große Probleme im kleinen Kreis aufzeigt.

Die Saaltüren öffnen und man findet sich mitten in der schönsten Party einer illustren Runde – oder auch dem Untergang der Zivilisiertheit – wieder: Je vier Damen und Herren mittleren Alters mit mehr Promille als Kleidungsstücken versuchen im Takt zu Viva Colonia Nägel in einen Holzpflock einzuschlagen, bis sogar das letzte Handtuch fällt. Setting ist die mondäne Villa eines Verlegers am Semmering, wo sich besagte Gruppe, bestehend aus lauter Publizierenden, jährlich für ein Wochenende von der Welt abschottet und (mehr oder weniger) freundschaftliche Auseinandersetzungen zu öffentlichen Diskursen pflegt. Die aktuellen Entwicklungen geben Anlass zur Besorgnis: Demokratieabbau, Neue Medien, … – der Journalismus sieht sich konfrontiert mit Problemen, die klaren Antworten und Positionen Felsbrocken in den Weg legen. Aber nicht nur Politik und Wertehaltungen, auch das Privatleben der acht Schreibenden gibt genug Anlass, um bis aufs Blut zu sticheln…

Die Kulisse: marginal materiell, vielmehr wird sie erst durch Erinnerungen und Erzählungen der Charaktere imaginär erbaut. Ganz zum Motto des Abends passend: Der Mensch organisiert sein Leben in Erzählungen. Und die höchst authentischen Charaktere haben viel zu erzählen – nicht nur mit Worten, das Team spielt  meisterhaft mit Konstellationen, Bewegungen und Handlungen. Die Produktion von Regisseur Ed. Hauswirth und dem Ensemble vermittelt auf vielen Bedeutungsebenen klare Botschaften. Beispielsweise wenn die Feministin in der Gruppe in einen Kothaufen steigt, während im Hintergrund die Stimme des Bundeskanzlers ihre Antrittsrede zum EU-Parlament herunterleiert, und der Sozialist sich als einziger erbarmt und aufwischt. Oder die Boulevardpresse den Intellektuellen die Füße wäscht, obgleich sie als einzige nicht nur gut vom Schreiben leben, sondern auch noch mit Jobangeboten in Versuchung führen kann.

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© Anna Stöcher

Ein trotz zwei Stunden pausenloser Spielzeit unglaublich kurzweiliger und spannungsgeladener Abend, der eine Menge Gesellschaftskritik übt, ohne dabei den Zeigefinger überzustrapazieren, und eine Menge schwieriger Fragen aufwirft, ohne sie mit banalen Antworten zu zerstören. Wer den Mut hat, sich dem zu stellen: Eine Reise nach Wien, wo noch acht Mal gespielt wird, lohnt das Stück allemal!

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