Die Mitwisser

Wie wäre es wohl, das omnipräsente Internet als menschliche Gestalt jeden Tag um sich zu haben? Dieser Frage geht Philipp Löhle mit der Idiotie „Die Mitwisser“ auf den Grund. Unter der Regie von Felicitas Braun wird das aktuelle Thema rund um die Digitalisierung in einer ungewöhnlichen, humorvollen Form präsentiert und überzeugt mit kecken Dialogen und schauspielerischer Höchstleistung. Das Internet wird personifiziert, wodurch der leichtsinnige Umgang mit privaten Daten in Zeiten der Digitalisierung  ins Lächerliche gezogen wird. 

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Das personifizierte Internet in futuristischer, weißer Kleidung, namens Herr Kwant (Sarah Sophia Meyer), kann so ziemlich alles und macht einem das Leben leichter. Daher hüpft Theo bedenkenlos in die aus Schaumstoff gepolsterte Bühnenkulisse, die von oben betrachtet, einer Chipkarte gleicht. Daraufhin führt Kwant als digitaler Hilfsassistent Theo durch ein Labyrinth voller (un)wichtigen Informationen, neuen Möglichkeiten und Erweiterungen. Theo profitiert regelrecht von den zahlreichen Funktionen Herrn Kwants, doch die Folgen des kostenlosen Service kann er noch nicht abschätzen. Wer liest auch schon die langen, kleingedruckten Verträge?

Clemens Maria Riegler zeigt sein schauspielerisches Können und demonstriert Theos  große Begeisterung und eine unbekümmerte Heiterkeit, während dieser seine Zeit ausschließlich in Herrn Kwants Anwesenheit verbringt. Mithilfe von Videomaterial (von Moritz Grewenig) werden unterhaltsam Episoden aus dem alltäglichen Leben mit dem Internet in absurder Art und Weise dargestellt, die Lacher garantieren. Herr Kwant sitzt neben Theo im Auto und dient als Navi, unterhält ihn mit Katzenvideos und kurbelt seine Karriere als Enzyklopädist durch schnelle Informationsvermittlung an. Dass Herr Kwant buchstäblich zwischen dem Liebespaar steht und nicht einmal im Schlafzimmer fernbleibt, scheint dem Ehegatten anfangs noch keine Bedenken zu bereiten. Die Szenen, in denen sich Kwant in jede alltägliche Situation Theos schleicht sind dramaturgisch ausgefeilt und machen den Abend zu einem heiteren Theaterbesuch.

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Theos Frau, Anna (Henriette Blumenau) – anfangs empört über die grobe Verletzung ihrer Privatsphäre – schafft sich schlussendlich selbst einen eigenen Kwant an. Die Möglichkeit Gesundheitstipps zu bekommen und Persönlichkeitstest machen zu können, scheinen sie aus der Reserve zu locken. Während sich das Leben durch Herrn Kwant auf der einen Seite erleichtert, ergeben sich auf der anderen Seite neue Probleme. Durch Kwants allgegenwärtige Präsenz gibt es zwischen den Eheleuten bald keine Geheimnisse mehr. Streit ist daher vorprogrammiert.

(c) Schauspielhaus Graz

Eine Wendung kehrt ein: Eine ernstere Stimmung schleicht sich langsam in das bislang lustigen Schauspiel. Während die Problematiken der Digitalisierung thematisiert werden, punktet das Stück dennoch mit humorvollen Episoden. Der dramatische Übergang zeigt sich vor allem durch Theos Stimmungswechsel von locker und heiter bis hin zu einer bedrückend depressiven Gemütslage. Als das Unglück auf Theo herabstürzt, ist er bereits wortwörtlich im Netz gefangen – kein Ausgang führt aus dem Labyrinth.

(c) Schauspielhaus Graz

Der Höhepunkt ist erreicht, doch die Inszenierung hat noch ein Ass im Ärmel. Die Kwants, die sich immer weiter vermehren und durch ihre Vernetzung auch ihr Informationslevel steigern, stehen nun über dem verzweifelten und einsamen Protagonisten in der Kommandozentrale. Von dort aus steuern sie alles und übernehmen die Kontrolle über die Menschen. Wie sich zeigt, kann man ohne maschinelle Hilfe nicht einmal ein Brot in der Bäckerei kaufen. Theos Verzweiflung steigert sich, er erkennt, dass den Maschinen immer eins fehlen wird: die Menschlichkeit. Die Maschinen verstehen Theos missmutige Stimmung nicht, wollen ihn aufheitern, können sich aber einfach nicht erklären, was er ständig mit dem „freien Willen“ meint. Die Unbeholfenheit der Maschinen sorgt für weitere Heiterkeit: Eifrig checken sie ihre Daten, doch die Suche ergibt keinen Treffer. Es gibt keine eindeutigen Daten über den freien Willen, ob nun Free Willy der Film oder eine philosophische Interpretation gemeint ist? Diese Frage bleibt offen, denn Mensch und Maschine finden nicht zu einer Einigung. Theo hält am freien Willen fest und möchte die Kontrolle zurückerobern. Ob ihm dies gelingt hängt wohl vom Publikum ab und vom zukünftigen Umgang mit Datenschutz im Internet.

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