Starke Frauen und feinfühlige Männer

Zum Faschingdienstag bot recreation fulminanten Mendelssohn und stimmungsstarken Schumann.

Mei-Ann Chen (c) Werner Kmetitsch

Während in den Grazer Straßen noch die Faschingsfeierlichkeiten im Gange waren, brachte die taiwanesisch-amerikanische Dirigentin Mei-Ann Chen auch eine besonders heitere Stimmung in den Stefaniensaal. Schon der Auftritt des Großen Orchesters Graz, dessen Damen sich an diesem Abend in ihren farbenprächtigsten Roben präsentierten, verhieß besonders freudig gestimmte Musiker. Schon im Scherzo von Robert Schumanns selten zu hörendem op. 52 (bestehend aus Ouvertüre, Scherzo und Finale in E-Dur) hopsten Streicher wie Bläser frisch und munter und Chens Führung dahin. Den abschließenden Satz gestaltete die Dirigentin das molto vivace unterstreichend; so viel Lebensfreude hat man noch selten bei Schumann gehört. Mei-Ann Chens richtete ihren interpretatorischen Blick stets auf das Werk als Gesamtheit. Ihr Stil ist nicht detailverliebt, viel mehr sucht sie die weitläufigen Stimmungen eines Stückes schlüssig zu verbinden und bereitet geschickt und kraftvoll jede neue Woge stets mit Rücksicht auf die anschließenden vor.
Ihr zur Seite gestellt wurde der deutsche Pianist und wohl Vertrauter von recreation Bernd Glemser. Schlag auf Schlag bewies er schon ab dem ersten Einsatz seine Mühelosigkeit im Anschlag und seine große Wendigkeit, die er selbst im Affentempo des finalen flinken Ringelspiels von Mendelssohns Klavierkonzert Nr. 1 in G-Dur op. 25 beibehielt. Wenn der Pianist dann in der Einleitung zum Andante plötzlich innehält und alle Hektik des ersten Allegro sich sogleich verflüchtigt, wird sein Ruf als „Klavierpoet“ offenkundig. Dieser den Ohren so zahlreiche Schmeicheleien kredenzende Konzertsatz mag manch einem zu kitschig erscheinen, in Glemsers Händen wurde er schlicht zu einem zarten musikalischen Hochgenuss. So bedacht der Anschlag, so feinfühlig die Phrasierung, dass man unmöglich von Kitsch sprechen konnte, sondern nur von reiner Ästhetik.

Bernd Glemser (c) Werner Kmetitsch

Gänzlich verschieden war die Stimmung im nach der Pause folgendem Introduction und Allegro op. 92, wieder ein Sonderling aus Schumanns Schaffen. Der petiten Einleitung folgte ein Wechselbad der Gefühle. Schroff, verträumt, verkopft, stur und lieblich ist die von Schumann gewählte Tonsprache, die in ihrer Verwirrung doch einigermaßen deutlich von Glemser und Chen durchleuchtet wurde. Für den Zuhörer war es doch ein Glück nicht in dieser Unstetigkeit zu enden, sondern zum Abschluss noch mit Mendelssohns „Italienischer“ belohnt zu werden. Die Interpretation dieser vierten Symphonie des Junggenies bewies eins um andere Mal den großherzigen Elan Mei-Ann Chens. Mutig und zielstrebig ertönten die Randsätze dieses so charmanten Werkes. Volle Präsenz durfte man im Finale vernehmen, und noch schöner als das selbstbewusste Forte war das einmalige Zurücknehmen aller Stimmen kurz vor dem Ende, das in all der strahlenden Schönheit dieser Musik noch an ein Zögern und Innehalten gemahnte.

Man darf sich freuen, solch lebendige Konzerte auch in Zukunft hören zu dürfen: Mei-Ann Chen wird für die nächsten Saisonen „Principle Guest Conductor“ für recreation. Neben ihrem warmherzigen Enthusiasmus wird sie dabei auch zu Unrecht unbekannte Stücke verschiedener Komponistinnen auf die Bühne bringen. Man darf gespannt bleiben.

Weitere Infos zum Konzert und weiteren Veranstaltungen der Styriarte und recreation unter:

https://styriarte.com/events/gewandhaus/?sti=38705

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