(c) Lupi Spuma

Die Macht wankt

Sie entgleitet den Händen der alten, weißen Männer. Dieses letzte Aufbäumen, diesen krampfhaften Schrei um die Erhaltung eines repressiven Systems, hat der steirische Dramatiker Ferdinand Schmalz in seinem Monolog „schlammland gewalt“ im Dorffest-Setting verarbeitet.

Was für eine Kombination, die das Schauspielhaus Graz sich da geholt hat: Ferdinand Schmalz‘ „schlammland gewalt“, Sophie Passmanns Plädoyer gegen das Patriarchat aus „Alte weiße Männer“, alles verkocht von Regisseurin Christina Tscharyiski, die durch die Inszenierung des Stefanie-Sargnagel-Stückes „Ja, eh! Beisl, Bier und Bachmannpreis“ bekannt wurde. Plus – Achtung, jetzt kommt’s – Freibier! Das sind Zutaten höchster Qualität für eine Theater-Speise mit Sterne-Niveau, um im Schmalz’schen Kulinarik-Vokabular zu bleiben.

Am Menüplan steht ein brutales und artifizielles Stück in rauchig-ranziger Bierzelt-Atmosphäre. Sind die Handgelenke des Publikums mal bestückt mit neongelben Papier-Bändchen, nimmt man zusammengequetscht Platz auf der Bierbank. Von der Decke baumeln die bunten Lichterketten, die Blasmusikkapelle (Leitung: Reinhold Kogler und Daniel Fuchsberger) spielt „Steirermen san very good“. Clemens Maria Riegler und Eva Mayer teilen sich die Erzähler-Rolle des Hendl-Grillers, ihre Schürzen sind fettbefleckt, die Waden aufgeschürft, das Gesicht schwitzig und ungesund. Die Kulisse im Haus drei lässt viel offen, bietet den beiden Raum.

Die Jugend-Traumata kochen hoch, die Kulisse stückelt man sich im Kopf nach den durchzechten Nächten des Dorffests nach Wahl zusammen, genauso wie das erzählte Personenrepertoire so Gesichter bekommt, aus einer Zeit, als die Grenzen der Welt noch beim übernächsten Ortsschild endeten.

Schmalz versteht es wie kein zweiter Gegenwartsdramatiker, Machtstrukturen zu sezieren. Sein Ton verdreht Satzglieder brutal, sich immer wiederholend aber nie ein Wort zu viel sagend, geht er an die Grenzen der Möglichkeiten der deutschen Sprache. Befreit man diese artifizielle Sprachwelt vom Papier und schenkt ihr Ton, fließt sie wie Honig in die Ohren des Publikums. Ein Schmalz am Spielplan ist eben immer eine gute Idee. Vor allem, wenn er in eine so knackige und detailverliebte Inszenierung wie hier verpackt wurde.

Infos und Termine hier!

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