König der Herzen

Bild © Wolfgang Volz

Das Styriarte-Publikum empfängt den „King of Klezmer“ mit schallendem Applaus, aber wenn Giora Feidman mit seiner Klarinette die Melodie Hava nagila anstimmt, wird es mucksmäuschenstill. Der kurzweilige Abend mit Michael Leontchik und den Gitanes Blondes zeugt von einem tiefen Verständnis von Mensch und Musik.

Giora Feidman liebt seinen Beruf, das merkt man. Allein schon daran, dass der 83-jährige Argentinier immer noch aus dem Koffer lebt, am Vortag erst aus Tel Aviv kam und abends die prall gefüllte Helmut-List-Halle in Bewegung brachte – inklusive sämtlicher Stimmbänder, denn Musik ist seinem Verständnis nach eine Sprache, die Dialog braucht. Und diesen erreichte er: Das Publikum lachte, klatschte und sang begeistert mit, angefeuert durch seine in charmantem Deutsch-Englisch-Gemisch eingestreuten Kommentare („You brought me to paradise, ladies! – Nicht lachen, you sing beautiful!“). Wer viel gibt, bekommt eben viel zurück.

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Gitanes Blondes © Dana Stefanache

Musikalisch präsentierte sich die Gruppe exzellent: Viel zu schnell für das Auge flirrten Michael Leontchiks Hände über die Saiten seines Cimbals, Mario Korunic nutzte jeden Millimeter der Violine aus und tanzte mit Bogen und Beinen, Konstatin Ischenko ließ sein Akkordeon singen (u.a. beispielsweise die „Arie des Figaro“ von Rossini), Christoph Peters zauberte auf der Gitarre und Simon Ackermann sorgte am Kontrabass für Schwung. Neben traditionellen Klezmerstücken verwandelte die Gruppe auch bekannte Melodien wie etwa Nobody know’s the trouble I’ve seen, Violeta Parras Protestlied Gracias a la vida oder Piazzollas Libertango zu solchen. What a wonderful world nutzte Feidman als emotionales Plädoyer für den Frieden, denn mit seiner Musik will er auch Botschaften vermitteln. Mit Bebop und orientalischen Tonfolgen balancierten die sechs Musiker auf einer dynmaischen Achterbahn zwischen tröstlichen Ruhepolen und rasanten Tempi. Besonders die Interaktion zwischen den Ensemblemitgliedern und der sichtliche Spaß am Spiel beeindrucken, beispielsweise wenn Ischenko Feidman überraschend von hinten mit einem fatalistischen Akkordeonton „überfällt“ oder die Gitanes Blondes ein Medley aus u.a. dem Fanfarenfinale von Rossinis Wilhelm Tell, Walzer, Folgetonhorn und Formel-Eins-Soundtrack performen. Sechs Musiker bedeuten sechs unterschiedliche Vorstellungen einer Melodie, wie in vielen fulminanten Soli deutlich wird, aber ein gemeinsamer Konsens macht etwas Großartiges, Zusammenklingendes daraus. In der Musik wie im Zusammenleben.

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