Wann sind wir endlich vogelfrei?

Das erst kürzlich für den Mühlheimer Dramatikpreis nominierte Stück „Bookpink“ zeigt im HAUS DREI des Grazer Schauspielhauses unter der Regie von Anja Michaela Wohlfahrt menschliche Schwächen im Federkleid. 

In sieben Episoden werden Geschichten aus sieben verschiedenen Vogelperspektiven erzählt. Das Publikum erlebt dort etwa die Lebensgeschichte des kriminellen Dreckspfaus, der sich nicht an die Gesellschaft anpasst und hofft, trotz seiner Andersartigkeit etwas aus sich zu machen; die Emanzipatiosbestrebungen der Sumpfmeise, die mit Geschlechterrollen aufmischt und das „Männchenhafte“ abstreifen möchte oder die der lethargischen weißen Taube, die am Campingplatz lebt und in eine Fantasiewelt flüchtet, weil sie die Einfachheit ihres Lebens nicht länger ertragen kann. 

Textstark, philosophisch und anregend und mit einfachen Requisiten und Kostümen ausgestattet verkörpern die SchauspielerInnen das unterschiedliche Federvieh, wobei jede Episode von einem Erzähler angeleitet wird. Das reduziert gehaltene Bühnenbild besteht aus unterschiedlich großen Truhen, die für jede Szene umgebaut werden und als Stall, Nest, Unterschlupf oder Ähnliches fungieren. Verwahrlosung, Gewalt, Diskriminierung und Mitläufertum werden thematisiert, wobei alle Geschichten durch ein bestimmtes Moment miteinander verbunden werden: dem Streben nach Freiheit. 

Eigentlich haben die Vögel alle Möglichkeiten: Sie sind doch vogelfrei und sind nicht dazu verdammt, am Boden der Tatsachen zu bleiben. Doch anstatt einfach weg zu fliegen, halten sie an ihren Rollen fest und entscheiden sich, statt Freiheit und Wahrhaftigkeit zu spüren, in ihrem Elend zu verharren. Sie fliehen in Religiosität und vertrauen ihre Ängste und Sorgen dem großen Kokon der Vernunft an, der ihnen aber jegliche Antwort verwehrt, schließen sich der Sekte der Pute an und scheitern folgenschwer an ihrer Freiheitssuche. Facettenreich und bestechend ehrlich hält die Inszenzierung des von Caren Jeß geschriebenen Stücks den ZuseherInnen einen gesellschaftlichen Spiegel vor. Auch wir oktroyieren uns selbst Zwänge auf, die uns an unserer Freiheit hindern, obwohl wir alle doch dasselbe wollen: ein Leben leicht wie eine Feder. „Bookpink“ ruft auf einzigartige Weise dazu auf, unsere Flügel einfach aufzuspannen und zu sehen, wohin die Winde uns tragen, anstatt am Boden zu verweilen und zu bedauern, nie richtig gelebt zu haben. Wahre Freiheit liegt oft nur einen Flügelschlag entfernt.

Infos und Termine: https://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/bookpink-1/

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