„Der siebente Kontinent“ (1989)

Regie: Michael Haneke
Darsteller: Birgit Doll (Anna), Dieter Berner (Georg), Leni Tanzer (Eva), Georg Friedrich (Entstörungsdienst)
Der Siebente Kontinent

Der siebente Kontinent

Der Film zeigt eine gutbürgerlich-situierte Familie, bestehend aus Vater Georg, Mutter Anna und deren Tochter Eva.
Im ersten Akt spielt der Briefverkehr zwischen Georg und seinen Eltern, wobei die Briefe in der Regel von Anna verfasst werden, eine zentrale Rolle. Der eloquente, oberflächliche Inhalt beschränkt sich ausschließlich auf die beruflichen Erfolge des Ehepaares.
Im zweiten Akt folgt eine beschreibende, fast protokollhafte Darstellung der alltäglichen Handlungen, welche immer wieder wiederholt werden. Mit einer unglaublichen Präzision bis ins kleinste Detail versucht Haneke so, das Interesse des Zuschauers für die handelnden Personen zu wecken.
Scheinbar gefangen in deren Alltagsroutinen, wählt die Familie im dritten Abschnitt als letzten Akt, die Zerstörung ihrer Existenz. In einem nüchternen Brief, dieses Mal selbst von Georg verfasst, werden seine Eltern über „das Abbrechen der Zelte“ informiert. Die Familie beginnt systematisch letzte Vorkehrungen zu treffen, ihre Existenzgrundlagen zu zerstören und letzte Störfaktoren, wie Kommunikation durch Außenstehende, zu unterbinden. Wer bei diesem systematischen Verhalten einen Akt der Befreiung vermutet, der irrt. Der Fall, der auf einer wahren Begebenheit beruht, bleibt ungeklärt.

„Der siebente Kontinent“, welcher ein paar Mal eingeblendet wird, ist allem Anschein nach ein sehnsüchtig konstruierter Zufluchtsort an einem Strand mit unerklärlichem Wellengang, welcher sinnbildlich für einen einsamen Ort der vollkommenen Ruhe, ein Paradies, aber auch für den Tod selbst stehen könnte? Des Weiteren thematisiert dieser Film auf dramaturgisch eindrucksvolle Weise die Gefangenschaft im Käfig der westlichen Wohlstandsgesellschaft und die daraus resultierende, ausweglose Leere. Isolation als Erlösung aus der erdrückenden Monotonie des bürgerlichen Alltags – in Michael Hanekes Filmen muss sich der Zuschauer in der Regel seine Antworten selbst suchen. Es ist diese beklemmende Stille, der fast gänzliche Verzicht auf Filmmusik und die nicht offensichtliche Gewalt, die die Protagonisten von innen heraus überwältigt und den Zuschauer verstört zurücklässt. In seinem ersten Kinofilm ging es dem Regisseur nicht darum, komplexe Themen anhand von Geschichten zu erzählen, bei denen die Ursache bekannt ist – der Fokus lag auf der Wirkung und einer nicht erklärenden Erzählweise, die somit mehrdeutig bleibt. Ein teilweise irrationales, verstörendes Konzept, welches die Marke „Haneke“ aber bis heute funktionieren lässt.
„Der siebente Kontinent“ ist der erste Teil der Trilogie „Vergletscherung der Gefühle“. Den zweiten Teil bildet „Benny’s Video“, den dritten „71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls“.

http://www.diagonale.at/filme-a-z/?ftopic=finfo&fid=7510

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