Solang die Musi spielt

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(c) Lupi Spuma

‚Die Neigung des Peter Rosegger‘ von Thomas Arzt wird zurzeit am Schauspielhaus Graz uraufgeführt.

Alles scheint in Ordnung zu sein in der steirischen Kleinstadt. Bis ein Erdbeben das Peter Rosegger-Denkmal und die Bewohner des Ortes erschüttert. Der Unternehmer Wiesinger (großartig gespielt von Florian Köhler) möchte nicht wahrhaben, dass die Statue immer weiter nach rechts neigt und will die Bachlerin, die Bürgermeisterin des Ortes, davon abhalten, die Schieflage Roseggers zu inspizieren. Haben sich doch Delegierte der UNESCO angekündigt, um den Altstadtkern inklusive der Statue zum Weltkulturerbe zu benennen. Unterstützung findet er bei der Angestellten Elfriede, die die Flüchtlinge, die seit ein paar Monaten im Ort wohnen, für die Krise verantwortlich macht. Am nächsten Tag erschüttert ein weiteres Erdbeben den Ort. Alles gerät allmählich aus den Fugen und vor allem Wiesinger verliert immer mehr die Kontrolle.

Thomas Arzt zeichnet mit der Schieflage der Peter Rosegger-Statue ein schönes Bild einer scheinbar unerschütterlichen Heimat, die dann doch auf bröckeligem Boden steht und von manchen Teilen der Bevölkerung mit allen Mitteln gerettet werden will.

Die Inszenierung ist kurzweilig und wird durch ein penetrant gut gelauntes Musikanten-Trio zusätzlich aufgelockert. Die Charaktere wirken aber letztendlich sehr stereotyp und die Dialoge zu brav. Ein bisschen mehr Biss wäre schön gewesen.

„Johnny stahl die Herzen / und auch das Kapital“

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(c) Lupi Spuma

 

Johann „Schani“ Breitwieser wuchs Ende des 19. Jahrhunderts im Wiener Bezirk Meidling auf und wurde nur 28 Jahre alt. Trotz seiner kurzen Lebensspanne erreichte er einen immensen Bekanntheitsgrad als eine Art Wiener Robin Hood, der Banken ausraubte, um den Gewinn unter den Notdürftigen aufzuteilen und so zum Helden und zur Legende der Wiener Vorstadt avancierte.

Der österreichische Autor Thomas Arzt kam erstmals durch einen Artikel in einer Straßenzeitung mit dem „Schani“ in Berührung. Es entstand in weiterer Folge eine an Brechts ‚Dreigroschenoper‘ angelehnte ‚Verbrecherballade‘, die ihre Uraufführung 2014 am Schauspielhaus Wien feierte und in der jetzigen Spielzeit im Haus Zwei des Schauspielhaus Graz von Mathias Schönsee auf die Bühne gebracht wurde.

Im Zentrum der Geschichte steht der in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsene Johnny Breitwieser, gespielt von Florian Köhler, der die Reichen bestielt und für die Armen einen Hoffnungsschimmer darstellt. Neben dem Kampf ums Überleben und der Flucht vor dem Gesetzeshüter Schödl (Franz Solar) macht ihm auch die Zerrissenheit zwischen seiner Liebe Anna (Julia Richter), die von ihm ein Kind erwartet, und seiner Sehnsucht nach Greta (Veronika Glatzner), einer reichen Witwe, das Leben schwer.

‚Johnny Breitwieser‘ ist ein kurzweiliger Krimi, dem die musikalischen Einlagen, die von Maike Rosa Vogel komponiert wurden, das gewisse Etwas verleihen. Die Instrumental- und Gesangsparts werden dabei ganz von den SchauspielerInnen übernommen, was einmal mehr die Vielseitigkeit des Berufs unterstreicht. Die starken schauspielerischen Leistungen und viele sehr emotionsgeladene Szenen machen die ‚Verbrecherballade‘ zu einem intensiven und äußerst sehenswerten Theaterstück. Eine Wiederaufnahme ist in der Spielzeit 16/17 geplant.

Hier der Trailer zum Stück:

Alkohol is keine Lösung

Iwan Wyrypajews Betrunkene spielt derzeit am Schauspielhaus Graz

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(c) Lupi Spuma

Ein Direktor eines Filmfestivals ist an Krebs erkrankt und will das Leben noch einmal so richtig spüren. Zwei stocksteifen bürgerlichen Ehepaaren werden ihre untreuen Entgleisungen entlockt. Eine junge Prostituierte will mehr vom Leben und dem Glück eines jungen Paares stellt sich die Exfreundin in den Weg. Was diese Menschen miteinander gemeinsam haben? Sie alle sind betrunken. Und da Alkohol bekanntlich die Zunge löst, kommt es zu Gesprächen über Religion, Liebe und den Sinn des Lebens.

Das russische Volk ist ja bekanntlich sehr trinkfest, da wundert es nicht, dass ‚Betrunkene’ aus der Feder des russischen Dramatikers Iwan Wyrypajew stammt. Wyrypajew lässt seine Betrunkenen ihre innersten Ängste, Sorgen und Wünsche aussprechen, unangenehme Konfrontationen ausbaden, über das Leben philosophieren und Phrasen endlos wiederholen, was zu einigen komischen Szenen führt. Allerdings hätten ein paar Episoden kompakter gestaltet sein können.

Gleich den Protagonisten hat auch das Publikum anfangs eine verschleierte Wahrnehmung – der Blick auf die Bühne wird mittels semitransparenten Vorhangs gedämpft. Nach dessen Lüftung dominieren Schrägen das Bühnenbild, die das Herumgetorkele der Protagonisten nicht gerade vermindern. Nach der Pause verwandelt sich die Bühne in einen (Vodka-?)See, der weitere Gefühlsverwirrungen an die Oberfläche schwämmt.

Hervorzuheben ist die grandiose schauspielerische Leistung des gesamten Casts – glaubhafte Betrunkene sieht man selten.

Trotz einiger langwieriger Passagen machen Ensemble und Bühnengestaltung ‚Betrunkene‘ zu einem sehenswerten Stück. Schon am 15. Juni bietet sich die nächste Gelegenheit dazu.

Hier der Trailer zum Stück: