Erziehungssache

Der „Struwwelpeter“ treibt sein Unwesen zurzeit am Schauspielhaus Graz.

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(c) Lupi Spuma

Dr. Heinrich Hoffmann war Mitte des 19. Jahrhunderts auf der Suche nach einem geeigneten Weihnachtsgeschenk für seinen ältesten Sohn. Die Auswahl an Bilderbüchern war ihm allerdings zu lasch und so dichtete und illustrierte er einfach selbst. Ein episodenhaftes Lehrbuch rund um Struwwelpeter entstand, das bis heute, obgleich der recht abschreckenden und brutalen Szenen, in vielen Kinderzimmern zu finden ist.

Julian Crouch und Phelim McDermott machten daraus eine, wie sie es nennen, ‚Junk Opera‘. Und wahrlich, entstanden ist eine Aneinanderreihung grotesker Szenen, bei denen das Lachen im Halse stecken bleibt. Sarah Sophia Meyer brilliert in ihrer Rolle als Struwwelpeter. Auch Henriette Blumenau, Pascal Goffin, Julia Gräfner und Benedikt Greiner meistern die zig Kostümwechsel und Gesangspassagen bravourös. Musikalisch begleitet werden die SchauspielerInnen von Henning Nierstenhöfer und Matthias Trippner, die Riff Raff in The Rocky Horror Picture Show ersetzen könnten.

Erziehungs-Tipps kann „Struwwelpeter“ zwar nicht wirklich bieten, dafür einen kurzweiligen Theaterabend mit Kreativität und Witz, der für Augen und Ohren so einiges bereithält:

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Alexander sieht die Welt anders – „Frequenzen“ am Schauspielhaus Graz

Der Roman „Die Frequenzen“ des Grazer Autors Clemens J. Setz wird zurzeit vom Berliner Regisseur Alexander Eisenach am Schauspielhaus Graz auf die Bühne gebracht.

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(c) Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz

Alexander Kerfuchs ist Synästhetiker. Er erlebt die Welt auf besondere Weise und kann in Frequenzbereiche eintauchen, die für Nicht-Synästhetiker unerreicht bleiben. Alexanders Eltern können mit seiner Andersheit nur recht schwer umgehen. Der Riss, der das Fundament des Elternhauses durchläuft, zieht sich durch deren Beziehung und Alexanders gesamtes Leben. Beziehungen scheitern, nicht nur jene zum Vater. Als Erwachsener will Alexander einen Neustart versuchen. Er kündigt seinen Job im Altenheim und trennt sich von seiner Freundin, um mit der Psychotherapeutin Valerie, die seinen nicht minder neurotischen Jugendfreund Walter betreut, zusammenzuleben. Doch dieser Wunsch soll nicht in Erfüllung gehen.

Sämtliche Handlungsstränge des 700-Seiten-Romans können aus rein technischen und zeitlichen Gründen natürlich nicht umgesetzt werden, Alexander Eisenach schafft es aber dennoch, die zentralen Motive auf die Bühne zu bringen. Die Drehbühne, gestaltet von Daniel Wollenzin, und die verschiedenen Projektionsflächen, auf denen Szenen gezeigt werden, die von rocafilm auf der Bühne live aufgenommen werden, erlauben es, mehrere assoziative Ebenen zu erzeugen und das Stück zu einem traumartigen Trip zu machen. Licht und Musik verhelfen zu einer coolen und modernen Atmosphäre.

Auch wenn einige Szenen vor allem gegen Ende hin etwas langatmig sind, ist das Stück aufgrund seines ästhetischen Aspekts und der tollen schauspielerischen Leistungen definitiv sehenswert. Die nächste Möglichkeit gibt es am 06. April am HAUS EINS.

Hier der Trailer zum Stück: https://www.youtube.com/watch?v=Kx7BDzr2-bM

Der Opernball als Fetischspektakel

Regisseur Bernd Mottl holt den Operettenklassiker mittels einiger Modernisierungen ins 21. Jahrhundert

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(c) Werner Kmetitsch

Erst am Vortag tanzte die Hautevolee am Wiener Opernball, am Tag darauf wurde man in der Oper Graz nach Paris entführt, wo eine nicht minder illustre Gesellschaft am dortigen Opernball auftanzte.

Im Gegensatz zu den beiden Verfilmungen von 1939 und 1956, die beide in Wien spielen, ist Richard Heubergers Operette in der Stadt der Liebe angesiedelt. Entsprechend amourös geht es deshalb zu. Die Handlung ist um zwei Ehepaare aus Paris und Orléans angesiedelt. Der Pariser Georges Duménil ist notorischer Fremdgeher, der seine Ausflüge auf den Opernball stehts unter dem Deckmantel einer Geschäftsreise begeht. Seine Frau Marguérite ist ihm jedoch längst auf die Schliche gekommen. Das Paar aus Orléans, Angéle, gläubige Katholikin, und Paul, braver Gatte, sind zu Besuch beim Pariser Ehepaar. Bald kommt Paul auf den Geschmack, möchte auch ein so aufregendes Liebesleben wie Georges haben. Angéle ist aber weiterhin der Meinung, dass ihr Ehemann ihr niemals fremdgehen würde. Es kommt zu einer Wette zwischen den beiden Ehefrauen. Beide schicken ihren Ehemännern anonyme Einladungen auf den Opernball. Und schon bald befinden sie sich alle auf besagtem Event. Die zwei Ehepaare, die Kammerzofe Hortense, sehr sympathisch gespielt von Sieglinde Feldhofer, der lüsterne Onkel und der junge Henri. Nach etlichen Verwechslungen weiß am nächsten Morgen niemand mehr, wem er auf dem Opernball näher gekommen ist.

Schön ist, wie Bühne und Kostüme das Geschehen reflektieren. Das zivilisierte 19. Jahrhundert prägt Bühnenbild und Kostüme des ersten Akts. Man merkt: hier ist noch alles so, wie es sein sollte. Am Opernball angelangt verwandelt sich das Opernhaus in eine Fetischwelt ohne Hemmungen. Rote Fließen und Latexanzüge prägen das Bild. Am nächsten Morgen dann die nüchterne Wahrheit: Sämtlicher Prunk ist von der Bühne gewichen. Und auch die Darstellerinnen und Darsteller sind aus ihren edlen Roben und engen Latexanzügen geschlüpft und tragen nun moderne Alltagskleidung.

Alles in allem ist „Der Opernball“ eine amüsante Verwechslungskomödie, die durch witzige Neuerungen aufgepeppt wird.

Die nächste Vorstellung findet am 11. Februar statt.
Den Trailer findet ihr hier: https://www.youtube.com/watch?v=oEyfPqVUSas