The heat is on…

…verspricht die Leuchtreklame in der Grazer Oper zu Recht. Knapp siebzig Jahre nach der Uraufführung am Broadway blüht das seither gefeierte Musical Guys and Dolls von Damon Runyon und Frank Loesser wieder auf und entfacht unter der Regie von Henry Mason und der musikalischen Leitung von Marcus Merkel wahrlich Feuer auf der Bühne.

Zumindest Funken fliegen genug: zwischen dem Kleinkriminellen Nathan Detroit (einem charmant linkischen und humorvollen Rob Pelzer) und der Nachtclubsängerin Miss Adelaide (einer glaubhaft verschnupften und liebenswerten Bettina Mönch) – schon seit vierzehn Jahren verlobt, aber für die Heirat ist der Herr doch nicht bereit. Dank einer Wette mit Nathan landet aber auch der Berufsspieler Sky Masterson (ein gekonnt verführender und authentischer Christof Messner) einen Glücksgriff mit der Heilsarmistin Sarah Brown (einer wandelbaren und doch nicht ganz so sündenfreien Johanna Spantzel) und verliebt sich unverhofft. Zur wohl vorhersehbaren Romanze gesellen sich illegales Würfelspiel, die Suche nach geeigneten Austragungsorten, Verfolgung durch die Polizei, schön schrille Abendshows und ganz viel 50er-Jahre-Charme.

Der Charme ist besonders spürbar in den fabelhaft nostalgischen Kostümen von Daria Kornysheva und im variantenreichen Bühnenbild von Hans Kudlich, welches im richtigen Licht von Guido Petzold beinahe glauben lässt, den Broadway der 50er-Jahre zu jeder Tageszeit erlebt zu haben. Francesc Abós sorgt für eine ausgeklügelte Choreographie und schöpft das tänzerische Potenzial der Darstellenden voll aus.

PhotoWerK_OG_GuysnDolls_HPII_HiRes_085© Werner Kmetitsch

Aber was ist ein Broadwaymusical ohne Musik? Darüber muss man sich in Guys and Dolls nicht den Kopf zerbrechen – die Grazer Philharmoniker leiten mit Schwung durch den Abend, die Besetzung brilliert mit reizenden Stimmen und dirigiert von Marcus Merkel geben sie nicht nur Klassiker wie Luck be a lady zum Besten. Das Premierenpublikum dankt mit stürmischem Applaus und Standing Ovations.

Weitere Informationen zum Musical finden Sie hier.

Faxen, Freude und Folklore

Bunt und agil feiert der Cirkus Younak seine Österreich-Premiere im Grazer Orpheum und erheitert mit einer ungewöhnlichen Mischung aus zeitgenössischem Zirkus und slowakischer Folklore.

Ein Schritt in den Veranstaltungssaal und die Welt sieht ganz anders aus: Ein eitler Kaiser posiert selbstsicher auf der Bühne, ein charmanter Tölpel verteilt marhuľovica (slowakischer Marillenschnaps) im Publikum, hübsche Damen singen schiefe Ständchen und vergeben saftige Äpfel und herzerwärmende Küsschen am Glücksrad und locken damit dem ein oder anderen Besucher einen Schein aus der Tasche. Stimmung macht die Truppe allemal – bis plötzlich ein menschengroßer Plüschbär den Saal betritt, der die Darstellenden kreischend hinter die Bühne flüchten lässt. Die Show beginnt.

Fünfundsiebzig Minuten voll fideler Livemusik, artistischer Leichtigkeit und traditioneller Volkskunst folgen – eine Hommage an das Leben und Wirken Juraj Jánošíks, der vor über 300 Jahren Reiche bestohlen und Arme beschenkt hat. Unter der Regie von Adrian Schvarzstein erzählt Cirkus Younak die Geschichte des slowakischen Nationalhelden mit viel Humor, klassischer Akrobatik, Diabolo Jonglage, Theater und Volkstanz. Eine tragende Rolle spielt die Musik – teils improvisiert, teils eigens für die Produktion komponiert, aber in jedem Fall authentisch slowakisch, bewegt die Folklore zum Händeklatschen im Takt und transportiert die Energie von der Bühne bis in die letzten Reihen.

Dabei ist Perfektionismus für die internationale Gruppe wohl weniger erstrebenswert als Freude am Tun. Fehlerfrei gelingt die Darbietung nicht, aber das ist gut so. Die Produktion lebt von Witz, Spontanität und Improvisation und sorgt für schmunzelnde Lippen und strahlende Augen. Das Publikum dankt mit freudigem Beifall und Standing Ovations. Und der Cirkus Younak darf sich damit gern weiterhin in Österreich willkommen fühlen.

CN19_Younak_4409_c_Matus_Lago© Matus Lago

Weitere Informationen zum Cirque Noël finden Sie hier.

Ich packe meinen Koffer

Seit mehr als zehn Jahren begeistert das Festival Cirque Noël das Grazer Publikum mit zeitgenössischem Zirkus. Pünktlich zur Weihnachtszeit 2019 bringt Intendant Werner Schrempf die kanadische Compagnie The 7 Fingers in das Theater in der Stadthalle. Mit der Bühnenproduktion Passagers feierte die international begehrte KünstlerInnengruppe am 21. Dezember 2019 Premiere am neuen Spielort.

Im modernen Zirkus verschmilzt Akrobatik mit zeitgenössischem Tanz, Theater mit bildender Kunst und bei Passagers auch die Darstellenden mit ihrem Publikum. Passagiere sind dabei alle, Insassen im selben Raum, Reisende auf demselben Planeten. Metapher ist der Zug – weniger als Transportmittel, vielmehr als Vehikel für Traum und Sehnsucht, Wanderlust und Nostalgie. Sich fremde Menschen teilen in versonnenen Monologen ihre Gedankenwelt, singen von Abfahren und Ankommen und begeistern mit herausragenden akrobatischen Fähigkeiten.

Mit Poesie und Nostalgie sind es
die Menschen in all ihrer Vielfalt,
ihren Widersprüchen und Exzessen,
die im Mittelpunkt dieser Show stehen.
[Le Devoir, Canada]

Ist es im Plot die Diversität des Individuums, stehen auf der Bühne die acht Künstlerinnen und Künstler Sereno Aguilar, Louis Joyal, Maude Parent, Samuel Renaud, Brin Schoellkopf, Sabine Van Rensburg, Conor Wild und Chloé Wall im Zentrum. Mit zeitgenössischem Tanz und Schauspiel, modern inszenierter Jonglage und Äquilibristik, perfektionierten Körperschwüngen in Hula-Hoops und akrobatischen Glanzleistungen in schwindelerregender Höhe lässt die Gruppe Atem stocken und Herzen höherschlagen. Mitreißende Musik, lebhafte Projektionen, abwechslungsreiche Beleuchtung und minimalistische Szenografie lenken die Augen auf das Wesentliche und lassen mitunter einen Traum im Publikum erwachen: The 7 Fingers folgen, wohin auch immer ihr Weg führen mag, und noch ganz viele wunderbare Produktionen wie Passagers erleben.

Ich packe jedenfalls direkt meinen Koffer und nehme mit: acht bemerkenswert talentierte Artistinnen und Artisten, eine wunderbar gelungene Inszenierung, melancholisch stimmende Poesie, nostalgisch anmutende Kostüme und ein stehend applaudierendes Premierenpublikum. Wer diesen zeitgenössischen Zirkusgenuss auch erleben und den Koffer mit bezaubernden Impressionen weiterpacken will, mache das bis 2. Jänner im Theater in der Stadthalle, bevor The 7 Fingers ihre wirkliche Reise antreten und Graz – auf hoffentlich absehbare Zeit – adieu sagen.

blog4tickets_03_Cirque-Noel_7-Fingers_Passagers-1_c_Alexandre Galliez© Alexandre Galliez

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