„Der schwabische Fäustling“

Das Coverdrama „Faust: Mein Brustkorb: Mein Helm“ von Werner Schwab wurde 1994 posthum uraufgeführt und nun zum ersten Mal im Grazer Schauspielhaus auf die Bühne gebracht.

Im Zentrum steht hier die Sprache, die unter Schwab einen spürbaren Materialcharakter annimmt. Er dekonstruiert, kombiniert, deformiert und verwendet in seiner Faust Paraphrase unzählige Neologismen, Euphemismen, Pleonasmen und Konjunktivkonstruktionen. Schwab bricht syntaktische Strukturen auf und führt ihre willkürliche Bedeutungsfestschreibung vor Augen. Die Essenz des Ganzen: Die sogenannte „wirkliche Wirklichkeit“ ist nicht durch Sprache zu erfassen.

Claudia Bauer, die sich intensiv mit Werner Schwab und dem Fauststoff auseinandergesetzt hat, wagte sich an dieses wortgewaltige Werk und übernahm die Regie. Als Dramaturgin war Elisabeth Geyer tätig. Die Figuren treten als Körperhüllen auf, die erst durch Sprache belebt werden. Besonders Margarethe, gespielt von Henriette Blumenau und Marthe Schwerdtlein, umgesetzt von Julia Gräfner, entsprechen dem Konzept des Maschinenmenschen und sind puppenhaft konzipiert (Kostüme: Dirk Thiele). Regieanweisungen werden durch die Souffleuse kommuniziert, die von den Figuren sehr eigenwillig interpretiert werden und durch den Bruch der Erwartungen für Komik sorgen. Die Figuren changieren zwischen Abstraktion und grotesker Körperlichkeit. Florian Köhler als Faust entwickelt im Studierzimmer, das an „Brazil“ (Bühnengestaltung: Patricia Talacko) erinnert, gemeinsam mit Frederik Jan Hofmann als Wagner, durch das Spiel mit der Filmkamera, eine eigene Ästhetik. Die Stimmung des Stücks steigert sich phasenweise ins Unerträgliche und führt den Zuschauer an seine Grenzen. Die Fäkalsprache und -ästhetik, das Repetieren von Floskeln im Takt des Metronoms, die plastische Darstellung von Kopulation und die blutige Walburgisnachtszene erzeugen eine beklemmende Atmosphäre und wecken Assoziationen an Hermann Nitsch, Günter Brus und David Lynch.

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FAUST Ensemble (c) Lupi Spuma

Die apokalyptischen und surrealistischen Elemente sowie der experimentelle Umgang mit Sprache fordern das Publikum sowohl geistig als auch körperlich und sorgen für einen einzigartigen Abend.

Fazit: Ein Kunstwerk!

Weitere Informationen zum Stück

Trailer zum Stück

 

 

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„Oh Parucken! Dir hab ich viel zu danken.“ – Der Talisman

Johann Nestroys Posse ist seit 1840 ein Garant für gute Unterhaltung, die aktuelle Inszenierung des Grazer Schauspielhauses hat jedoch sämtliche Erwartungen übertroffen!

Das rote Haar des Titus Feuerfuchs ist vielen ein Dorn im Auge und erschwert erheblich seine Arbeitssuche. Als er eines Tages jedoch einem sogenannten Marquis das Leben rettet, schenkt ihm dieser zum Dank eine schwarze Perücke. Der Karriere des sozial anpassungsfähigen Titus steht nun nichts mehr im Wege. Die Frauenwelt liegt dem wortgewandten, jungen Herrn mit dem schwarzgelockten Haar zu Füßen und er steigt innerhalb weniger Stunden vom Gärtner bis zum Sekretär einer adeligen Hausherrin auf. Eifersuchtsszenen führen schließlich zur Entlarvung seines Täuschungsversuchs.

Die Posse mit Gesang besteht aus drei Akten. Die Texte der Couplets stammen aus der Feder des Jungautoren Ferdinand Schmalz, der dieses Jahr auch mit dem Bachmannpreis ausgezeichnet wurde und sind dem Genre entsprechend provokant, politisch und greifen aktuelle Themen auf. So wird unter anderem Bezug auf Donald Trump, Lebensmittelintoleranzen, Bürgermeister Nagl und das Murkraftwerk genommen. Der Brückenschlag zur Türkisfärbung der ÖVP sorgte gerade bei diesem Stück für besondere Lacher.

Das Stück karikiert die Oberflächlichkeit, die sich durch sämtliche soziale Milieus zieht und hält der Gesellschaft den Spiegel vor.

Regie führte Dominique Schnizer und als Dramaturgin war Elisabeth Geyer tätig, die beide hervorragende Arbeit geleistet haben. Die Musik stammt von Bernhard Neumaier, der ein breites musikalisches Spektrum integrierte, das für Abwechslung sorgte. Erwähnenswert ist ebenso die Bühnengestaltung von Christin Treunert. Hervorzuheben ist hier besonders die aufwendige Gestaltung des Salons der Kammerfrau, der mit zahlreichen Jagdtrophäen geschmückt war und durch das Übermaß eine ironische Brechung evozierte.

Zu würdigen ist hier jedoch vor allem die schauspielerische Leistung des Ensembles. Die zwei rothaarigen Leidensgenossen Salome, gespielt von Sarah Sophia Meyer und Titus, dargestellt von Clemens Maria Riegler, fallen nicht nur durch ihren Facettenreichtum auf, sondern vermögen auch feine Untertöne zu transportieren. Grandios war die Darbietung von Susanne Konstanze Weber in ihrer Rolle als Flora Baumscheer, die vollends von Titus charmantem Auftritt ergriffen war. Nicht weniger amüsant war Evamaria Salcher als Kammerfrau Constantia, die ihre Eleganz ironisch auf die Spitze trieb und persiflierte. Für herzhaftes Lachen sorgten auch die Reaktionen von Christiane Roßbach als Frau von Cypressenburg auf Titus Schmeicheleien, sowie die komische Darbietung ihrer Tochter Emma, gespielt von Tamara Semzov, deren Mienenspiel einfach köstlich war. Amüsant waren auch Gang und Sprachduktus von Werner Steger, der den Gärtnergehilfen Putzerkern mimte. Franz Solar brillierte als überkandidelter Frisör Monsieur Marquis und changierte zwischen Französischem Akzent und Wiener Dialekt. Die Freude am Spiel war der Besetzung anzumerken und das Publikum dankte mit tosendem Applaus.

Ein großartiges gesellschaftskritisches Stück in einer lustvoll-leichten Inszenierung.

Fazit: Ein Theaterabend, den man nicht so schnell vergisst! Absolute Empfehlung!

Die nächsten Termine finden Sie hier: https://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/der-talisman

Trailer DER TALISMAN: https://youtu.be/eJBNk2ugrTA

©Beitragsbild: Lupi Spuma

 

Romeo und Julia: JETZT

Romeo, Mercutio und Julia.

Romeo, Mercutio und Julia. Foto: Lupi Spuma

Sich an Stücke heranzuwagen, die sich über Generationen ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben und sie dann auch noch zu transformieren, ist nicht nur ein schwieriges Unterfangen, sondern erfordert auch eine gehörige Portion Mut. Die Regisseurin Lily Sykes hat sich dieser Herausforderung gestellt und wir wurden nicht enttäuscht. Die moderne Inszenierung von Romeo und Julia erweist sich als wahrer Erfolg und als ein Erlebnis, das man nicht missen sollte. Die bekannteste Liebesgeschichte der Welt wird in neuem Licht präsentiert, frech, provokant, symbolträchtig gestaltet und mit einigen Finessen versehen. Der Tod tritt als junges Mädchen auf, das die Verstorbenen ins Reich der Toten geleitet. Die Amme wird durch 6 Personen dargestellt, die gleichzeitig als Chor fungieren und Mercutio ist weiblich besetzt. Die visuelle Gestaltung basiert auf binären Oppositionen (innen-außen, hell-dunkel) und dem Kontrast zwischen Alt und Neu, der sich auch in der Sprache niederschlägt. Das Bühnenbild (Jelena Nagorni) ruft schiere Begeisterung hervor und wurde äußerst ansprechend in die Inszenierung integriert. Die geometrische Konstruktion des Fluchtpunkts, der Einsatz des Lichts und der Hebebühnen erzeugt beeindruckende Effekte, die sowohl die Dynamik des Stückes befördern als auch die Stimmungen symbolisch unterstreichen.

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Romeo und Julia, Foto: Lupi Spuma

Franz Solar und Babett Arens glänzen in ihren sehr konträren Doppelrollen als Capulet und Lady Capulet sowie als Lorenzo und Lorenzina. Großen Anklang finden vor allem Mercutio (Henriette Blumenau), Benvolio (Nico Link) sowie Romeo (Raphael Muff) und Julia (Julia Gräfner). Gräfner verkörpert exzellent das verliebte 14-Jährige Mädchen, sie ist mal verspielt und unschuldig, mal trotzig und aufmüpfig, mal sensibel und halb vergehend vor Leidenschaft. Angereichert wird ihre facettenreiche Darstellung durch nuancierte Komik. Einfach großartig! Die Amme gespielt von Notburga Jaritz, Susanne Koller, Judith Kunath, Lejla Kurtic, Elisabeth Malek, Karolin Türk, diesmal nicht in voller Besetzung, kann dennoch durch eine hervorragende gesangliche Leistung verzaubern. Nur der Tod wirkt ein wenig zu bemüht.

Die aktuelle Inszenierung von Romeo und Julia im Grazer Schauspielhaus ist modern, spritzig und ein visueller Genuss, aber überzeugen Sie sich selbst.

Die nächsten Termine finden Sie unter:

http://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/romeo-und-julia#termine