Romeo und Julia: JETZT

Romeo, Mercutio und Julia.

Romeo, Mercutio und Julia. Foto: Lupi Spuma

Sich an Stücke heranzuwagen, die sich über Generationen ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben und sie dann auch noch zu transformieren, ist nicht nur ein schwieriges Unterfangen, sondern erfordert auch eine gehörige Portion Mut. Die Regisseurin Lily Sykes hat sich dieser Herausforderung gestellt und wir wurden nicht enttäuscht. Die moderne Inszenierung von Romeo und Julia erweist sich als wahrer Erfolg und als ein Erlebnis, das man nicht missen sollte. Die bekannteste Liebesgeschichte der Welt wird in neuem Licht präsentiert, frech, provokant, symbolträchtig gestaltet und mit einigen Finessen versehen. Der Tod tritt als junges Mädchen auf, das die Verstorbenen ins Reich der Toten geleitet. Die Amme wird durch 6 Personen dargestellt, die gleichzeitig als Chor fungieren und Mercutio ist weiblich besetzt. Die visuelle Gestaltung basiert auf binären Oppositionen (innen-außen, hell-dunkel) und dem Kontrast zwischen Alt und Neu, der sich auch in der Sprache niederschlägt. Das Bühnenbild (Jelena Nagorni) ruft schiere Begeisterung hervor und wurde äußerst ansprechend in die Inszenierung integriert. Die geometrische Konstruktion des Fluchtpunkts, der Einsatz des Lichts und der Hebebühnen erzeugt beeindruckende Effekte, die sowohl die Dynamik des Stückes befördern als auch die Stimmungen symbolisch unterstreichen.

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Romeo und Julia, Foto: Lupi Spuma

Franz Solar und Babett Arens glänzen in ihren sehr konträren Doppelrollen als Capulet und Lady Capulet sowie als Lorenzo und Lorenzina. Großen Anklang finden vor allem Mercutio (Henriette Blumenau), Benvolio (Nico Link) sowie Romeo (Raphael Muff) und Julia (Julia Gräfner). Gräfner verkörpert exzellent das verliebte 14-Jährige Mädchen, sie ist mal verspielt und unschuldig, mal trotzig und aufmüpfig, mal sensibel und halb vergehend vor Leidenschaft. Angereichert wird ihre facettenreiche Darstellung durch nuancierte Komik. Einfach großartig! Die Amme gespielt von Notburga Jaritz, Susanne Koller, Judith Kunath, Lejla Kurtic, Elisabeth Malek, Karolin Türk, diesmal nicht in voller Besetzung, kann dennoch durch eine hervorragende gesangliche Leistung verzaubern. Nur der Tod wirkt ein wenig zu bemüht.

Die aktuelle Inszenierung von Romeo und Julia im Grazer Schauspielhaus ist modern, spritzig und ein visueller Genuss, aber überzeugen Sie sich selbst.

Die nächsten Termine finden Sie unter:

http://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/romeo-und-julia#termine

 

 

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Der Revisor

Das 1835 von Nikolaj Gogol verfasste Stück, hat nichts an Aktualität verloren.

 

Korruption, unstillbare Gier, moralischer Verfall sowie mangelnde Integrität stehen in dem kleinen russischen Städtchen, in dem das Stück angesiedelt ist, an der Tagesordnung.

Amtsmissbrauch und Bestechlichkeit ziehen sich durch die ganze Gesellschaft, vom Stadthauptmann, zum Schulleiter, über den Richter, bis hin zu den Gutsbesitzern. Für besondere Erheiterung sorgten die Anspielungen auf gegenwärtige österreichische Ereignisse, so etwa die Erklärung des Postmeisters, der behauptet, er hätte das Postgeheimnis nur deshalb verletzt, weil der Kleber des Kuverts nicht gehalten hätte und der Brief aus dem Umschlag gefallen sei.

Die Geschichte ist schnell erzählt: In der Stadt verbreitet sich rasch das Gerücht, dass ein Revisor auf dem Weg ist zu ihnen sei und sich inkognito ein Bild von den Zuständen machen will. Daraufhin herrscht große Aufregung und Angst unter den Bewohnern, dass nun ihr kriminelles Verhalten ans Licht kommen könnte. Clestakow, der bereits seit zwei Wochen in seinem Quartier keine Rechnung beglichen hat, wird für den Revisor gehalten und von allen im Ort hofiert und reich beschenkt. Erst als dieser mit prall gefüllten Taschen die Stadt verlassen hat, klärt sich das Missverständnis auf.

Das Bühnenbild ist schlicht konzipiert, wird aber kreativ genutzt. Die Integration der Drehbühnenfunktion erfordert  von den Schauspielern zwar viel Körpereinsatz, die Bewegung wirkt aber kurzweilig und fesselnd.

Gelungen ist ebenso die musikalische Lautmalerei, die für Unterhaltung sorgt. Die Lautstärke bei einigen Passagen erzeugte jedoch Missmut im Publikum.

Die Kostüme sind auffallend plastisch und stereotyp gestaltet und so springen auch die Perücken als solche sofort ins Auge. Der Materialismus der verkörperten Figuren schlägt sich somit auch in ihrem äußeren Erscheinen nieder.

Mit Requisiten wird eher sparsam umgegangen, der Fokus liegt in dieser Inszenierung vor allem auf der Situations- und Typenkomik. Besonders begeistern konnte hier Julia Gräfner in der Rolle des Gutsbesitzers Dobtschinski. In Erinnerung bleiben werden vor allem ihr unübertreffliches Schmollen sowie ihre grandiose Tanzeinlage, die für Zwischenapplaus sorgte. Gräfner und ebenso ihr Kollege Benedikt Greiner, bringen eine Vielzahl von Figuren auf die Bühne, die nicht nur herzliche Lacher evozieren, sondern durch ihre grotesken Anspielungen bleibt auch das eine oder andere Lachen im Halse stecken.

Franz Solar ist in der Rolle des Stadthauptmann wie gewohnt sehr gut. Die Frau des Stadthauptmann wird gespielt von Christiane Roßbach, die hervorragend eine alternde Diva mimt, die ihr eigenes Glück und die Sehnsucht begehrt zu werden, über jede Moral stellt. Ihre raffiniert eingesetzte Stimme gibt der Rolle die nötige Würze und ruft Begeisterung hervor. Die Rolle der Tochter bekleidet Silvana Veit, die diese Figur schablonenhaft charakterisiert. Dargestellt wird hier ein Mädchen, das nicht um seiner selbst willen geliebt, sondern unabhängig von seinen Wünschen und Sehnsüchten in eine Rolle gezwängt wird und nur dem Wohl der anderen zu dienen hat.

Der mutmaßliche Revisor, gespielt von Raphael Muff, erscheint als schmieriger, kleiner Ganove, dessen unstillbare Gier und Selbstsucht überzeugend widerwärtig anmuten. Fredrik Jan Hofmann schwankt in der Rolle des Dieners zwischen Pflichterfüllung, Ehrlichkeit und Sehnsucht.

Die Schlussszene der gegenseitigen Zerfleischung wirkt zunächst irritierend, erweist sich bei näherer Betrachtung jedoch als treffendes Fazit einer grenzenlos gierigen Gesellschaft.

Das Credo des Stücks „Weiter wie bisher!“ ist somit an den Regisseur Stephan Rottkamp sowie an den Dramaturgen Jan Stephan Schmieding weiterzugeben.

Weiter Informationen zu diesem Stück finden Sie unter: http://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/der-revisor

Sozialkritik statt Klamauk – Der Barbier von Sevilla

Im Rahmen der Styriarte wandte man sich dem altbekannten Werk „Der Barbier von Sevilla“ zu und ließ es in der Grazer Helmut List Halle in neuem Licht erstrahlen.
Der traditionell heiter gefärbten Oper Rossinis wurden in dieser Inszenierung wieder ihre ursprünglich intendierten sozialkritischen Töne entlockt. Der Fokus lag somit auf den intriganten Machenschaften der Figuren, die von süffisanten Lügen bis zur Korruption reichten.Verantwortlich für diese Schwerpunktsetzung waren sowohl Dirigent Michael Hofstetter als auch Regisseur Peer Boysen. Zur Aufführung kam zudem die deutsche Fassung aus dem Jahr 1819, die auf der Übersetzung Ignaz Kollmanns beruht.
Das Bühnenarrangement bestand aus fünf parallel sichtbaren Zimmern, mit anachronistischen Elementen. Möbelstücke aus nachfolgenden Epochen wurden mit jenen kombiniert, die der zeitlichen Einordnung des Stückes entsprachen. Wohl der Versuch eines Brückenschlags zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Besondere Begeisterung riefen die Darbietungen von Daniel Johannsen (Tenor) als Almaviva, der sowohl mit seiner Stimme als auch durch sein Schauspiel überzeugte, sowie von Stefan Sevenich (Bass) hervor, der in der Rolle des Bartolo ebenfalls eine solide Leistung ablieferte. Miljenko Turk (Bariton), der den Figaro verkörperte, bewies seine Fähigkeit zu nuancenreichem Spiel und stimmlicher Variation. Marie Friederike Schöder (Sopran) zeigte als Rosina sowohl ihr komödiantisches Talent als auch ihr Feingefühl bei ernsteren Passagen. Bibiana Nwobilo (Sopran), die die Rolle der Marcellina innehatte, verzauberte durch ihren Gesang, auch wenn ihre schauspielerische Leistung eher artifizielle Züge hatte. Josef Wagner (Bass), der den Basilio mimte, erschien eher zurückhaltend, aber exakt im Gesang. Ebenfalls zu hören waren Ludwig Mitterhammer (Bariton), in der Rolle des Fiorillo sowie der Chor der Kunstuniversität Graz.
Das Orchester hatte zum Teil auf alte Instrumente zurückgegriffen und vermochte dadurch einen ganz besonderen Klang zu erzeugen. Zwar litt an manchen Stellen die Präzision darunter, jedoch tat es der gelungenen Darbietung keinen Abbruch.
Auch wenn die Uraufführung der Oper 1816 in Rom eher desaströse Tendenzen aufwies, die aktuelle Inszenierung fand viel Anklang beim Publikum, das durchaus die sozialkritischen Töne zu schätzen wusste und stürmisch Beifall zollte.

Weitere Informationen unter: http://styriarte.com/events/der-barbier-von-sevilla-2/