Verwahrlost, jubelhaft und tollosal

Das Kindermusical „Pünktchen und Anton“ von Marc Schubring und Wolfgang Adenberg füllt die roten Samtstühle der Oper Graz mit jungen Publikum und unterhält durch eine leichtlebigen, lebensfrohe und kindgerechte Inszenierung. 

Der in Berlin spielende Kinderliteraturklassiker von Erich Kästner, der die Geschichte von Luise „Pünktchen“ Pogge und Anton Gast erzählt, wurde in der Oper Graz in Kooperation mit dem Next Liberty klassisch inszeniert. Auf der Bühne wird die außergewöhnliche Freundschaft vom reichen Pünktchen und dem mittellosen Anton aufgezeigt, die zwei Welten miteinander verbindet und die Probleme aus beiden Welten thematisiert. Armut an Finanziellen auf der einen, Armut an Zeit und Zuwendung auf der anderen Seite, wodurch den ZuseherInnen klar wird, dass Armut nicht unbedingt eine Frage des Geldes ist. Die beiden Freunde ergänzen sich und bilden ein starkes Team, das es sogar mit dem Bösewicht Robert, der die reiche Familie Pogge ausrauben möchte, aufzunehmen weiß. 

Neben der kindgerechten Aufarbeitung des Literaturklassikers und dem Zusammenspiel von Musik, Gesang, Kostüm und Theaterkunst, beeindruckt vor allem auch das aufwendig gestaltete Bühnenbild, bei dem dreidimensionale, kunstvolle Räume über die Bühne geschoben werden und sich miteinander verbinden, sowie verschiedene Leinwände mit Videoaufzeichnungen das Bühnengeschehen vorantreiben.

Das lebensfrohe, authentische Pünktchen fasziniert und zieht die ZuseherInnen in ihren Bann. Das junge Publikum fiebert mit, klatscht und jubelt und versucht in das Bühnengeschehen durch Zurufe einzugreifen. Somit schafft es die Inszenierung, die Kinder wirklich zu fesseln und für das Theater zu begeistern, und das ist genau das, was hohe Theaterkunst ausmacht. 

Mit „hinreizender“ Hingabe wird die „tollosale“ Geschichte von Freundschaft, Vertrauen und Zusammenhalt auf der Bühne gezeigt und endet mit Friede, Freude und Glitzer-Konfetti. 

Infos und Termine: https://www.oper-graz.com/production-details/punktchen-und-anton

Wann sind wir endlich vogelfrei?

Das erst kürzlich für den Mühlheimer Dramatikpreis nominierte Stück „Bookpink“ zeigt im HAUS DREI des Grazer Schauspielhauses unter der Regie von Anja Michaela Wohlfahrt menschliche Schwächen im Federkleid. 

In sieben Episoden werden Geschichten aus sieben verschiedenen Vogelperspektiven erzählt. Das Publikum erlebt dort etwa die Lebensgeschichte des kriminellen Dreckspfaus, der sich nicht an die Gesellschaft anpasst und hofft, trotz seiner Andersartigkeit etwas aus sich zu machen; die Emanzipatiosbestrebungen der Sumpfmeise, die mit Geschlechterrollen aufmischt und das „Männchenhafte“ abstreifen möchte oder die der lethargischen weißen Taube, die am Campingplatz lebt und in eine Fantasiewelt flüchtet, weil sie die Einfachheit ihres Lebens nicht länger ertragen kann. 

Textstark, philosophisch und anregend und mit einfachen Requisiten und Kostümen ausgestattet verkörpern die SchauspielerInnen das unterschiedliche Federvieh, wobei jede Episode von einem Erzähler angeleitet wird. Das reduziert gehaltene Bühnenbild besteht aus unterschiedlich großen Truhen, die für jede Szene umgebaut werden und als Stall, Nest, Unterschlupf oder Ähnliches fungieren. Verwahrlosung, Gewalt, Diskriminierung und Mitläufertum werden thematisiert, wobei alle Geschichten durch ein bestimmtes Moment miteinander verbunden werden: dem Streben nach Freiheit. 

Eigentlich haben die Vögel alle Möglichkeiten: Sie sind doch vogelfrei und sind nicht dazu verdammt, am Boden der Tatsachen zu bleiben. Doch anstatt einfach weg zu fliegen, halten sie an ihren Rollen fest und entscheiden sich, statt Freiheit und Wahrhaftigkeit zu spüren, in ihrem Elend zu verharren. Sie fliehen in Religiosität und vertrauen ihre Ängste und Sorgen dem großen Kokon der Vernunft an, der ihnen aber jegliche Antwort verwehrt, schließen sich der Sekte der Pute an und scheitern folgenschwer an ihrer Freiheitssuche. Facettenreich und bestechend ehrlich hält die Inszenzierung des von Caren Jeß geschriebenen Stücks den ZuseherInnen einen gesellschaftlichen Spiegel vor. Auch wir oktroyieren uns selbst Zwänge auf, die uns an unserer Freiheit hindern, obwohl wir alle doch dasselbe wollen: ein Leben leicht wie eine Feder. „Bookpink“ ruft auf einzigartige Weise dazu auf, unsere Flügel einfach aufzuspannen und zu sehen, wohin die Winde uns tragen, anstatt am Boden zu verweilen und zu bedauern, nie richtig gelebt zu haben. Wahre Freiheit liegt oft nur einen Flügelschlag entfernt.

Infos und Termine: https://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/bookpink-1/

Vorhang auf

Das Stück „8 Fenster“, das im Zuge des Spleen-Festivals in Graz aufgeführt wird, hisst Vorhang und Jalousien und macht es möglich, seine Nachbarn nicht nur durch die Fenster zu beobachten, sondern diese auch zu belauschen. 

Mit Tablett und Kopfhörern bewaffnet, tritt das Publikum vor ein unscheinbares Haus am Ortweinplatz. Als die Lichter eingehen, kann man die HausbewohnerInnen, nicht nur sehen, sondern mithilfe der Tablets auch direkt in deren Wohnungen hineinhören. Das Publikum kann dabei selbst entscheiden, welcher Geschichte es folgen möchte: dem deprimierten Familienvater zum Beispiel, der sich weder mit seinem Bett noch mit seinem eigenen Leben identifizieren kann, den vier Schwestern, die sich gegenseitig die Partner ausspannen und über den Verkauf eines Hauses streiten oder vielleicht doch lieber der einsamen älteren Dame, die ihre Langeweile durch Meditationsübungen stillen will.

So klickt man sich durch, schnappt Gesprächsfetzen auf und ertappt sich selbst bei der Angst, etwas Spannenderes in einer der anderen Wohnungen zu verpassen. Die Authentizität und Realitätsnähe der Geschichten und der Schauspielerei fasziniert ebenso wie die ausgefinkelte Technik und der punktgenaue Einsatz von Licht. 

Auch wenn wir zu Hause in unseren eigenen vier Wänden lieber die Vorhänge zuziehen: Im Internet und auf sozialen Netzwerken sind wir alle öffentlich und lassen Menschen mitschauen und mithören, ohne uns der Reichweite unserer Beträge bewusst zu sein. Die Inszenierung schafft es, diese Tatsache den ZuseherInnen auf raffinierte und zugleich schockierende Weise vor Augen zu führen und zeigt deutlich: In der digitalen Welt bleibt kein Vorhang verschlossen.

„8 Fenster“ kontrastiert die Grenzen von Privatsphäre und Öffentlichkeit in unserer modernen Gesellschaft und lässt einen kritischen Blick auf Facebook und Co. und die Neugierde der Menschen, am Leben völlig Fremder teilhaben zu wollen, zu. Vielleicht sollte man auch im digitalen Raum lieber den Vorhang geschlossen halten und das Private im Privaten belassen. 

Infos und Termine: https://spleen-graz.at/stuecke/8fenster/2020-02-05/9/