Unter Strom

Das Theater Keandace arbeitet mit dem Stück „Tesla oder die Anpassung eines Engels“ in intimer Atmosphäre im Spielort ARTist’s das Leben eines der bedeutendsten Wissenschaftler des 20.Jahrhunderts auf und lässt das Publikum in die zwischen Genie und Wahnsinn wankende Gedankenwelt des Erfinders eintauchen. 

Bedrohliche Musik, dumpfe Schläge, Blitze zucken im Hintergrund. Zwei gemütliche Sessel und ein großer Standspiegel stehen auf der Bühne. Der New Yorker Journalist Mr. Smith schreibt für das Magazin „Immortality“ und hat an diesem Abend einen besonderen Gast geladen: Nikolaus Tesla, der Erfinder des Wechselstroms höchstpersönlich. In dem Interview geht er dabei der Frage nach: „Wer sind Sie, Herr Tesla?“ 

Nach nostalgischem Rühren im Erinnerungstopf der Kindheit werden im Gespräch die Mythen rund um dessen Geburt, das abgebrochene Studium in Graz, die Auswanderung nach Amerika sowie die waghalsigen Experimente und die bahnbrechenden Erfindungen des Genies thematisiert. Der Wissenschaftler, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Elektrizität zu zähmen, tänzelt dabei charismatisch entlang des schmalen Grats zwischen Größenwahn und Bescheidenheit und bringt das Publikum das ein oder andere Mal zum Schmunzeln. 

© Nicolas Galani

Nach der Selbstbeweihräucherung des Erfinders werden aber auch dessen Schattenseiten beleuchtet und auf dessen Spielsucht, Geldprobleme und die unzähligen Machtkämpfe, die er unter anderem mit seinem Rivalen Thomas Edison ausgefochten hat, eingegangen. Als Tesla davon spricht, die ganze Welt illuminisieren zu wollen und als Wissenschaftler keinerlei Verantwortung für die Nutzung seiner Erfindungen zu tragen, wird selbst dem sonst so begeisterten Journalisten Smith mulmig zumute.

Der ambivalenten Figur Nikolaus Tesla wird durch die Inszenierung unter der Regie von Klaudia Reichenbacher authentisch Leben eingehaucht und trotz der fehlenden Handlung ist es ein Genuss, der schauspielerischen Leistung von Felix Krauss (Nikolaus Tesla) und Alexander Mitterer (Mr. Smith) zu folgen. Tesla und dessen Lebenswerk wird vom Theater Keandace eine Bühne geboten, die das Publikum dazu anregt, sich über die Welt, in der wir heute leben, und den Einfluss Teslas auf diese, Gedanken zu machen. Alles ist Licht und alles wird auch in Zukunft wieder zu Licht, denn Licht ist die ursprünglichste Form der Energie, die Tesla Zeit seines Lebens und darüber hinaus für sich und die Menschen nutzbar machte. 

Infos und Termine: https://theaterkaendace.at/produktionen-archiv/tesla/

Ganz ohne Worte

Der Zirkus ist in der Stadt: Im Orpheum Graz ist das Artisten-Duo Campagnia Baccalá mit der preisgekrönten Show „Pss Pss“ im Zuge des Festivals Cirque Noël noch bis 29. Dezember 2019 zu sehen. 

Artistische Elemente der Clownerie, Akrobatik und Pantomime vereinen das Artisten-Duo Simone Fassari aus Sizilien und Camilla Pessi aus der Schweiz in einem unvergesslichen Abend. 

Nostalgische Akkordeon-Klänge läuten das Programm ein. Die Artistin betritt mit roten Schuhen, grünen Strümpfen und langem schwarzen Mantel die Bühne und hat eine kleine, rote Box bei sich, aus der sie einfache Alltagsgegenstände hervorzaubert. Diese integrieren die beiden AkteurInnen in einer unvergesslichen Show, die unter die Haut geht. Das preisgekrönte Programm erinnert an Stummfilme und Slapstick-Komödien aus den 20er-Jahren und unterhält dabei Alt und Jung. Die ArtistInnen begeistern ganz ohne Worte und machen das Publikum bei Trapezeinlagen, eigenwilligen Tänzen und unerwarteten Missgeschicken sprachlos. Das neckisch, liebevolle Zusammenspiel und die tiefe Verbindung des seit 2004 zusammenarbeitenden Duos ziehen das Publikum eine Stunde lang in eine sorgenfreie Traumwelt. Sie versprühen Leichtigkeit, Lebensfreude und Übermut, was in einem selbst ein kindliches Lebensgefühl wieder aufflammen lässt. Situationskomik, Mimik und Gestik, absolute Körperbeherrschung und perfektes Timing werden auf der Bühne dargeboten, wobei der oft naive, leichtlebige Humor nicht nur schmunzeln, sondern auch herzlich auflachen lässt. Auch das Publikum kommt bei einem Umarmwettbewerb und bei akrobatischen Einlagen ganz schön ins Schwitzen. 

Simone Fassari und Camilla Pessi sind wie zwei Kinder, die nie erwachsen geworden sind, und schaffen es, die ZuseherInnen daran zu erinnern, das Leben mit kindlicher Leichtigkeit nicht zu ernst zu nehmen, wofür sie tosenden Applaus und minutenlange Standing-Ovations ernten. 

Infos und Termine: http://www.cirque-noel.at/2019/compagnia-baccala/

Eine gottlose Generation

Das Schauspielhaus Graz nimmt „Jugend ohne Gott“, eine Koproduktion mit dem Vorstadttheater Graz, wieder in sein Programm auf. 

Als „Wiederherstellungsversuch“ bezeichnet der Schauspieler Matthias Ohner die Ein-Mann-Inszenierung, in der er sowohl erzählerisch als auch spielerisch Momente des Romans „Jugend ohne Gott“ von Ödon von Horváth nachzeichnet und die Inhalte nach Graz verlegt. 

Der Stoff des Romans ist vielen bekannt: Ein Lehrer muss bei der Korrektur von Klassenarbeiten erkennen, dass seine Schüler rassistisches Gedankengut vertreten. Der Lehrer steht dabei zwischen den Fronten: Einerseits will er eingreifen, andererseits ist er mit der Situation überfordert und gesellschaftlichen Zwängen ausgeliefert. Der Roman zeigt eindringlich die allmähliche Verrohung der Jugend und deren Gewissenlosigkeit während der NS-Zeit auf, die den Weg für den Nationalsozialismus ebneten. Fragen nach Schuld und Unschuld, Fremdenhass und Menschenwürde, Verantwortung und Opportunismus werden durch das Stück aufgeworfen und machen die Inhalte nach wie vor aktuell. 

© Lupi Spuma

Dabei schafft es der Regisseur Ed. Hauswirth den Roman auf eine ganz außergewöhnliche Art und Weise auf die Bühne zu bringen. Teile des Romans werden vom Schauspieler Matthias Ohner erzählt und rezitiert, andere Teile wiederum werden gespielt, wobei sich die spielerischen und erzählerischen Elemente abwechseln. Der Schauspieler taucht immer wieder neu in die Szenen ein, schlüpft in die unterschiedlichen Charaktere und fungiert dann gleichzeitig wieder als Erzähler. Zwischendurch gibt er Regieanweisungen, interagiert mit dem Publikum und versetzt den Spielort durch das Projizieren von Bildern nach Graz in die heutige Zeit. Dabei wird mit einfachsten Requisiten gearbeitet. Ein Tisch dient beispielsweise gleichzeitig als Totenbahre, Eisdiele und Zeugenstand bei Gericht, ein blinkendes Fahrradrücklicht wird zum Anstecker und Sekunden später zur Flamme eines Lagerfeuers. 

Das Stück ist vor allem für ein junges Publikum zu empfehlen, da es auf einfache Weise die komplexen Inhalte des Romans wiedergibt und zugleich erfahrbar macht. Die ZuseherInnen haben das Gefühl „nah dran“ an den Geschehnissen zu sein und der Roman wird durch die moderne Inszenierung spürbar und lebendig.

Infos und Termine: https://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/jugend-ohne-gott/