Gegen das Vergessen

Mit dem Puppenspiel „F. Zawrel: erbbiologisch und sozial minderwertig“ bringt Simon Meusburger im Schauspielhaus Graz auf einzigartige Weise ein Stück, das gegen das Vergessen der Gräueltaten des Zweiten Weltkrieges ankämpft, auf die Bühne. 

Das Figurentheater von und mit Nikolaus Habjan erzählt von der Lebensgeschichte Friedrich Zawrels, die unglaublich erscheint. Friedrich Zawrel wuchs während des Zweiten Weltkrieges als Sohn eines wehrunfähigen Alkoholikers auf. Aufgrund seiner Familienverhältnisse wurde er als erbbiologisch und sozial minderwertig gesehen. Nach Delogierung und Kinderheim kam er als Zehnjähriger über Umwege an den Spiegelgrund – die medizinische Fachabteilung des Dritten Reichs, die Experimente und Euthanasiemorde an unschuldigen Kindern durchführte. Dort war er hilflos der Folter und Gewalt der Pfleger und Ärzte ausgesetzt, konnte aber durch glückliche Zufälle überleben. Nach dem Krieg versuchte er gegen seinen Peiniger Dr. Gross vorzugehen. Dieser wurde für seine Taten jedoch nie belangt, da die Justiz lange Zeit schützend die Hand über ihn hielt und er später durch seine Demenzerkrankung angeblich „alles vergessen“ hatte. 

Die Inszenierung kämpft gegen dieses Vergessen an und schafft es, die Biografie Friedrich Zawrels für das Publikum spürbar zu machen. Dabei wird das Publikum Zeuge von Wickel- und Wasserkuren, Isolationshaft und öffentlichen Demütigungen und fühlt mit der Figur mit. Das Medium der Puppe macht es möglich, diese grausamen Taten unverschleiert auf der Bühne darzustellen. Nikolaus Habjan haucht dabei den Puppen Leben ein. Puppe und Puppenspieler reagieren aufeinander, verschmelzen miteinander und die Emotionen kommen in ihrer Tiefe beim Publikum an; die Misshandlungen schmerzen, die Schreie lassen die ZuseherInnen zusammenzucken. Man fühlt mit, leidet mit, hofft, verzweifelt.

Nikolaus Habjan und Simon Meusburger schaffen es in ihrer Inszenierung, die Persönlichkeit Friedrich Zawrels authentisch einzufangen, der trotz der schweren Schicksalsschläge nicht gebrochen wurde, sondern immer sein frohes Wesen beibehielt. Dabei macht Friedrich Zawrel unmissverständlich deutlich: „Das alles kann nie mehr rückgängig gemacht werden. Wichtig ist nur, dass es alle wissen und es niemals in Vergessenheit gerät.“

Das Publikum ist erschüttert, betroffen, gleichzeitig aber beeindruckt davon, wie einfühlsam diese unbegreifliche Geschichte auf der Bühne erzählt wurde, und honoriert die schauspielerische Leistung mit minutenlangem Applaus und Standing Ovation. 

Termine und Infos: https://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/f-zawrel-erbbiologisch-und-sozial-minderwertig/

Wenn die Eieruhr des Todes klingelt

Das erfolgreiche, englische Impro-Solo „Game of Death“ ist nun wieder im Theater im Bahnhof zu sehen. 

Gedämpftes Licht, improvisierte Gitarrenklänge, eine Eieruhr und ein Stapel Spielkarten. Viel mehr braucht Jacob Banigan nicht, um einen ganzen Abend mit seinem Ein-Mann-Impro-Stück „Game of Death“ zu füllen. Wie es für einen Impro-Abend üblich ist, darf das Publikum tatkräftig mitarbeiten und kann durch Zurufe das Geschehen auf der Bühne beeinflussen. Dabei stellt Jacob Banigan gleich zu Beginn des Abends klar: „You need to inspire me!“

Die Spielregeln des Abends sind rasch erklärt: Aus einem Karten-Stapel werden vom Publikum insgesamt drei Karten gezogen. Auf diesen befinden sich Symbole, die Interpretationsspielraum offen lassen und vom Darsteller zu einem Stück verarbeitet werden. Zwei der Karten sind Banigan von Anfang an bekannt, die dritte wird erst im Laufe des Stücks aufgedeckt. 

Auch ein Schauplatz ist rasch gefunden und so startet das Stück mit den Informationen „Peitsche, Kreuz, Kapstadt“. Vieles bleibt zu Beginn ungewiss, denn auch für den Hauptdarsteller sind sämtliche Informationen neu und auch ihm ist anfangs nicht klar, in welche Richtung das Stück gehen wird. Nur eines ist sicher: Der Tod lässt im „Game of Death“ nicht lange auf sich warten, denn eine Eieruhr – „the eggtimer of death“ – wird eingestellt und tickt bedrohlich im Hintergrund. Beim Ertönen dieser muss eine Figur im Stück sterben. 

© Johannes Gellner

Banigan schafft es an diesem Abend, obwohl er alleine auf der Bühne steht, nicht nur einzelne Charaktere, sondern ganze Menschenmassen einzig und allein durch seine Person darzustellen. Die Figuren des Stücks werden durch die Einnahme spezifischer Mimik und Gestik, unterschiedlicher Intonation der Stimme, Akzent und Sprache eindeutig verkörpert. Es ist beeindruckend mit welch einer Leichtigkeit Banigan von Figur zu Figur springt und den Charakteren Leben einhaucht. Auch die Tierwelt ist nicht vor dem Hauptdarsteller sicher, der vom Krokodil bis hin zum Storch alle Tiere in ihrer Einzigartigkeit einfängt. 

Jacob Banigan ist ein Künstler der Improvisation, verarbeitet innerhalb von Sekunden Ideen zu einer Geschichte, vernetzt die Szenen miteinander und schafft es, immer wieder Pointen an den richtigen Stellen zu streuen, wodurch das Stück, trotz ernster Themen, nie an Witz verliert. Jeder Abend ist einzigartig. Geschichten werden aus dem Stegreif erzählt, die man sich niemals am Schreibtisch ausdenken könnte. Das Publikum ist live beim Entstehungsprozess anwesend und kann staunend beobachten, wie aus den einzelnen Erzählsträngen ein Ganzes mit Tiefe, Humor und überraschenden Wendungen wird. 

Infos und Termine: https://www.theater-im-bahnhof.com/de/production/game-of-death

Immer wieder montags

Das Theater im Bahnhof ist mit seinem Programm „Montag – die improvisierte Show“ wieder in die neue Impro-Saison gestartet. 

Ab sofort heißt es jede Woche im Orpheum extra: „Wir haben nichts vorbereitet.“ Denn am Montag ist das Publikum am Wort und bestimmt, was es auf der Bühne sehen möchte. Improtheater lebt von den Zurufen der ZuseherInnen und das TIB (Theater im Bahnhof) lebt Impro. Da kommt es vor, dass ein spanischer Totengräber und eine Auftragskillerin, das Leben der 90 Jahre alten Hertha beenden möchten, um ein leeres Grab zu füllen. Sekunden später lauscht das Publikum der Schlüsselszene des Musicals „Headache“ mit dem brisanten Refrain „The pain in my brain“. Klingt unmöglich? Nein. Klingt nach Impro. An solch einem Theaterabend ist nichts unmöglich. Denn der Montag steht unter dem Zeichen: Komme was wolle; und es kam, wie es wollte. 

Obwohl die SchauspielerInnen (Beatrix Brunschko, Monika Klengel, Elisabeth Holzmeister, Jacob Banigan) nicht wissen, was auf sie an diesem Abend zukommt, schaffen sie es fulminant, in jede Geschichte nicht nur Wortwitz, sondern auch Tiefe zu bringen und neben dem Humor des Publikums auch dessen Moral anzusprechen. Da ziehen plötzlich „migrantische“ bulgarische Krähen ohne Staatsbürgerschaft über den Friedhof, wo es doch früher nur deutsch-österreichische Vögel gegeben hat. Da wird durch den Zuruf „Plastiksackerl“ der Klimaschutz thematisiert und es werden Bio-Luftballons auf der Bühne verkauft.

© Johannes Gellner 

Kein Thema ist peinlich. Kein Schmäh wird ausgelassen, auch wenn dieser manchmal makaber ist und über die Stränge schlägt. Theater darf alles. Impro tut alles. Die SchauspielerInnen des Abends schaffen es, die unterschiedlichsten Figuren miteinander in Verbindung zu bringen und sie eine gemeinsame Geschichte voller Wendungen und Höhepunkte erzählen zu lassen. Die Beziehungen der Figuren sind spürbar, echt und nah, auch wenn sie oft nur wenige Minuten andauern. Denn Impro ist gekennzeichnet von raschen Wechseln und Sprüngen, Wortgewandtheit und Spontanität, die das Publikum auf verschiedensten Ebenen reizen und ansprechen. 

Gespielt wird nur mit dem Körper, der Mimik und Gestik. Kaffeemaschinen werden mit einfachsten Geräuschen in den Raum gezaubert und Szenen werden durch improvisierte Klaviermusik von Andreas Acham untermalt. Requisiten braucht es keine, denn die Fantasie des Publikums ist gefragt, um voll und ganz in die Fülle der Szenen einzutauchen. 

Was an solch einem Abend auf der Bühne passiert, kann nicht nacherzählt werden. „Montag – die improvisierte Show“ muss erlebt werden. Wie gut, dass der nächste Montag nicht lange auf sich warten lässt. 

Infos und Termine: https://www.theater-im-bahnhof.com/de/production/montag