Die wirklich wichtige Alltagsfrage lautet doch: Welche Droge passt zu mir?

Im Schauspielhaus Graz wird das Publikum von Hanna (Henriette Blumenau) über den effektivsten Drogenkonsum belehrt. Möchtest du Anregung? Greife zu Speed. Aufputschend wirkt Kokain und zudem steigert es das Verlangen nach Alkohol. Die Auswahl ist groß, die Möglichkeiten unendlich. Euphorisch berichtet Hanna in ihrem Monolog, wie sie sich endlich ihren Traum erfüllt hatte, die Pforte in eine neue, bewusstseinserweiternde Welt zu öffnen.

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© Schauspielhaus Graz

Schließe deine Augen und stell dir deinen sehnlichsten Wunsch vor. Nun öffne sie und greife die Chance beim Schopf. Hab keine Angst deine Träume zu erfüllen. Sei mutig. Das sind die Ansagen, mit denen Hanna das Publikum in ihren Bann zieht. Denn niemand hier ist wirklich glücklich, oder? Die Schwierigkeit im Leben ist doch eigentlich immer funktionieren zu müssen. Die Nachbarin regt sich auf, wenn der Rasen im Garten nicht gemäht wird. Der Sohn verlangt nach so viel Liebe, die die Protagonistin aufgrund ihrer eigenen Unzufriedenheit einfach nicht aufbringen kann. Und der Ehemann nervt sie sowieso nur noch. Die gesellschaftlichen Ansprüche sind zu hoch, doch sie glaubt die Lösung gefunden zu haben. Die kleine Pille hilft ihr, die liebevolle Mutter zu sein, die sie für ihren Sohn sein möchte.

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© Schauspielhaus Graz

Durch die geniale schauspielerische Leistung wird der Monolog keineswegs langweilig und mit körperlichem Einsatz und ihrer theatralischen Darbietung bringt Henriette Blumenau ihre „One-Woman-Show“ sehr glaubwürdig auf die Bühne. Die bildhafte Sprache des Monologs regt die eigene Fantasie an und die Lichteffekte von Beamer und Lichterkette imaginieren einen Trip in eine andere Welt. Unter der Regie von Elena Bakirova wird das Publikum auf eine Reise geschickt, die beim Einstieg in den Konsum beginnt, doch schnell wird die Anfängerin zum Dorgenprofi, und bald schon hat sie zu fast jeder Droge eine Geschichte zu erzählen. Sie scheint genau zu wissen, für welchen Zeitpunkt welche Droge am besten passt. Nur Heroin, darüber kann sie noch nichts sagen, aber bald wird sie sich auch auf diesen Trip begeben. Ob es bis zum Ende hin auch wirklich die Lösung ihrer Probleme ist? Die Einsicht, dass das Leben, nachdem die Wirkung nachlässt, nicht gerade einfacher ist, kommt bald einmal. Ja ganz im Gegenteil kann das Leben nach einem bewusstseinserweiternden LSD Trip ganz schön deprimierend sein. Ihren anfänglichen Fehler, einen Mann zu heiraten, den sie nicht liebt, kann sie durch die Drogen jedenfalls nicht ausbügeln. Durch den Konsum von Drogen ergeben sich dann nämlich wieder ganz neue Probleme. Ein Teufelskreis.

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 Zum Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=dzVPsbrR1yo#action=share

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Lessings aufklärerisches Ideendrama

Eines der wichtigsten Stücke der Aufklärung wird im Schauspielhaus Graz unter der Regie von Lily Sykes auf die Bühne gebracht. Dabei handelt es sich um nichts Geringeres als das Ideendrama von Gotthold Ephraim Lessing „Nathan der Weise“.

Vor allem bekannt ist die darin vorkommende Ringparabel, die die Antwort auf die Frage: „Welche der drei Weltreligionen (katholisch, muslimisch oder jüdisch) ist die Wahre?“ geben soll. Diese Frage stellt der muslimische Herrscher Saladin (Nico Link) dem weisen Juden Nathan (Werner Strenger), der ihm wiederrum die Geschichte dreier Brüder erzählt, die alle einen gleichen Ring vom Vater bekommen, doch nur einer soll der magische Ring sein. Der wahrhaftige Ring hat die Eigenschaft, seinen Besitzer vor Gott und den Menschen angenehm zu machen. Wer aber nur besitzt diesen? Die Quintessenz lautet, dass der liebende Vater nicht zwischen seinen Söhnen entscheiden wollte und ihnen daher allen einen Ring anfertigen ließ. Die Söhne sollten nun so leben, als hätten sie alle den wahren Ring. Da die drei Söhne als Metapher für die drei Weltreligionen stehen, ist die Thematik auch 3 Jahrhunderte später noch relevant, denn der Streit um die Religionen hat leider auch heute noch kein Ende gefunden.

Sykes Inszenierung lehnt sich sehr an der klassischen an, Aktuelles lässt sie nicht miteinfließen und das Bühnenbild ist schlicht gestaltet. Viele weiße Säulen stellen die Schauplätze dar, wie z.B. Nathans Haus und Saladins Palast. Die Säulen können zudem hinaufgeklettert werden, sodass Saladin mit seiner Schwester gute Sicht von oben hat, während sie Schach mit lebenden Figuren spielen. Der Schauplatzwechsel wird mit dem Drehen der Bühne durchgeführt und die Darsteller nutzen die Säulen, um sich hie und da hinter ihnen zu verbergen, somit fungiert das Bühnenbild auch als eine Art Labyrinth. Durch die Bühnendrehungen und die  Licht-, Musik- und Nebeleffekte kommt in das ansonsten statische Bühnenbild ein wenig Bewegung hinein.

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Lessing ist dafür bekannt, dass seine Stücke viele Dialoge enthalten. Zudem intendierte er, seinen Zuschauern keine vorgefertigte Schablone vorzusetzen, sondern wollte dazu anregen, durch eigenständiges Denken ein eigenständiges Conclusio zu schließen. Ganz nach der aufklärerischen Devise, „habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ (Kant). Daher ist es nicht verwunderlich, dass das 2,25 Stunden dauernde Stück keine seichte Unterhaltung ist. Dem Publikum wird die Thematik durch die Inszenierung jedoch nicht gerade erleichtert, denn sie arbeitet hauptsächlich mit den Dialogen, wie sie von Lessing witzig-ironisch und hoch-intellektuell geschrieben wurden. Obwohl den Schauspielern Lessings Worte leicht von den Lippen gehen, hätte der Inszenierung mehr Bewegung und Handlung gutgetan, um die genialen Inhalte des textlastigen Stückes besser mitverfolgen zu können.

Schön inszeniert war das abwechselnde Erzählen der Ringparabel von Nathan, der zu Saladin sprach und seiner Tochter Recha (Maximiliane Haß), die die Geschichte zeitgleich dem christlichen Tempelritter erzählte. Besonders schön herausgearbeitet wurden außerdem die Beziehungen zwischen den Charakteren. Der Fokus liegt auf dem anfänglichen Hass zwischen den verschiedenen Religionen und dessen sukzessivem, wenn auch nicht von Anfang an gewollten, Wandel, z.B. durch Saladins Begnadigung des Tempelherren und der Liebe zwischen dem christlichen Tempelherren und der jüdischen Tochter Nathans. Nathans Großzügigkeit und Menschlichkeit kommt auch sehr deutlich im Stück hervor. Vor allem seine liebevolle Beziehung zu seiner Tochter, Recha, stellt ein wichtiges Element dieser Inszenierung dar. Die Einleitung des Stücks zeigt den liebevollen Vater und Recha als Kind beim Fangen spielen und Geschichten erzählen. Aufgrund dieser schönen Darstellungen zwischen den Beziehungen ist diese Inszenierung mit ein wenig mitgebrachten Hintergrundwissen und Vorwissen über die Kernhandlung durchaus sehenswert. Die nächste und letzte Vorstellung findet am 26. Juni 2018 statt.

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Hier findet ihr den Trailer zum Stück!

 

Verdrängt, vergessen, erinnert.

Das von Claudia Bossard inszeniertes Stück „Bilder von uns“ im Schauspielhaus Graz erzählt die Geschichte vierer Missbrauchsopfer einer Jesuitenschule. Die Einführung in das Geschehen ist die Vorstellung der 4 Darsteller: der Protagonist, Jesko (Nico Link), ein Ehemann und Vater, der aufgrund seiner Berufslaufbahn oft im Fernsehen zu sehen ist. Der im Marketing-tätige Malte (Fredrick Jan Hofmann), der Anwalt Johannes (Mathias Lodd) und Konstantin (Pascal Goffin), der im Bärenkostüm auftritt und dem es angeblich „nicht so gut gehe“.

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Die Inszenierung zielt vor allem darauf ab, die Sichten der Opfer darzustellen und spricht sich gegen Verallgemeinerung der Opfer aus. Am Anfang des Stücks wird der Zuschauer mit vielen Dialogen zwischen den Männern und auch Monologen konfrontiert. Diese Textlastigkeit fordert viel Aufmerksamkeit, da zu Beginn noch nicht klar ist, worüber die Männer reden. Es wird über alte Zeiten nachgesinnt und auch philosophische Gedanken der einzelnen Darsteller werden mit dem Publikum geteilt, zum Beispiel über Erinnerungen und darüber, ob und inwiefern die Schule mit späterem (Miss-)Erfolg und (Un-)Glück zu tun hat. Die vier Männer sitzen in einem viereckigen Kasten, abgeschirmt vom Publikum, irgendwie zur Schau gestellt, während sie gemeinsam die Geschichte erzählen, wie Jesko ein pornographisches Bild zugeschickt bekam und dabei fast einen Autounfall baute. Es stellt sich nämlich heraus, dass der Junge auf dem Bild niemand anders als Jesko selbst war. Besonders durchdacht scheinen die Dialoge zwischen den Männern zu sein, die zwar nichts direkt ansprechen, aber das Publikum trotzdem sukzessiv immer mehr mit versteckten Informationen füttert. Bis man dann den roten Faden gefunden hat und den Zusammenhang zwischen den Dialogen und der Thematik des Stücks versteht. Die zuvor erwähnte philosophische Frage über Erinnerungen wird nun zum Gegenstand. Aufgrund des Bildes wird Jesko gezwungen seine Erinnerung mit anderen Augen zu sehen. Warum hat Pater Stein sie als Lieblinge ausgesucht? Warum wurden sie nackt fotografiert und wofür brauchte er diese Bilder? All diese Fragen stellt sich Jesko nun und fängt an seine Kindheit zu hinterfragen. Überfordert mit seinen plötzlichen Gedanken und immer wieder aufkehrenden Erinnerungen wendet er sich an die anderen Lieblinge von Pater Stein. Damit löst er dann auch bei Malte und Johannes eine Lawine an verdrängten Kindheitserinnerungen aus. Konstantin ist der Einzige, der scheinbar bereits von seiner Vergangenheit verfolgt wurde und fragt Jesko: „Wie hast du all die Zeit nicht verrückt werden können?“

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Claudia Bossard inszeniert das Stück so, dass vor allem am Anfang das ernste Tabuthema nie direkt angesprochen wird. Lockere Dialoge, ein paar Witze und Geschichten über alte Zeiten überdecken die wirklichen Gedanken der Männer. Erst als die Welle von medialen Berichterstattungen über den Missbrauch ausbricht, werden auch die Männer dazu gezwungen, ihr Leiden untereinander zu thematisieren, doch jedes Individuum geht mit der Situation anders um. Jesko, der schlussendlich überfordert von seinen Erinnerungen ist, möchte nur Gras über die Sache wachsen lassen, doch die mediale Berichterstattung nimmt den Opfern die Kontrolle aus der Hand. Der Wechsel von den lockeren Dialogen, Witzen und dem spielerischen Ringen auf der Bühne zum tragischen Höhepunkt, wird durch das Abreißen der Wände des viereckigen Kastens, in dem die Männer das gesamte Stück gesessen sind, symbolisiert. Nun treten die Schauspieler aus diesem Kasten aus und werden dazu gezwungen, ihre eigene Geschichte von außen zu betrachten. Doch wie sollen die Männer nun mit dem Thema umgehen, wenn sie plötzlich zu „den Opfern“ werden, zu „den missbrauchten Kindern“, zu einer Gruppe, über die die ganze Welt spricht und in eine gemeinsame Schublade steckt? Hauptaugenmerk scheint vor allem auf dem Umgang mit dem Missbrauch zu liegen. Jesko würde es lieber Verdrängen, denn was soll das Aufarbeiten bringen, was soll reden schon helfen? Malte würde gerne der Held der Geschichte sein. Er streift sich ein Superheldenkostüm über und möchte sich die die Kontrolle zurückholen, die Schuldigen anklagen und der Welt seine Sicht der Dinge berichten. Der Anwalt, Johannes, scheint sich zumindest von außen eher aus der Sache raus zu halten, versucht es rational zu sehen, sich seinen Gefühlen nicht hinzugeben. Der bereits von Anfang an gebrochene Konstantin schweigt die meiste Zeit, bis er seine Erlebnisse schildert und sich schlussendlich umbringt, sodass niemand ihn mehr vergessen könne.

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© Schauspielhaus Graz

Die Inszenierung schafft es, die Verallgemeinerung der Opfer zu stoppen, denn es wird gezeigt, wie jedes Individuum auf andere Weise mit ähnlich Erlebtem umgeht. Es zeigt nicht DIE Opfer des Missbrauchs, sondern Jeskos, Konstantins, Maltes und Johannes Kampf zwischen Erinnerungen und Verdrängungen. Vor allem aber zeigt es, wie sie sich fühlen, als alle Welt mit den Fingern auf sie zeigt. Die Schauspieler bringen die innere Zerrissenheit der Protagonisten authentisch auf die Bühne. Sukzessiv steigert sich die Emotionalität im Stück, die zum Schluss echte Gänsehaut verursacht.

Der Trailer zu „Bilder von uns“: