Geächtet

(c) Lupi Spuma, Schauspielhaus Graz

(c) Lupi Spuma, Schauspielhaus Graz

Kaum ein Thema wird derzeit so kontrovers diskutiert wie der Einfluss der Religion auf unsere Gesellschaft. Diesen Satz glauben Sie nicht? Dann stellen Sie sich bitte die Frage weshalb. Denn gerade in der politischen und medialen Debatte wird intensiv, gerade wenn es um die Berichterstattung und Rezeption von Gewalttaten geht der religiöse Hintergrund bewusst hervorgehoben oder verschwiegen. Wobei es hierbei vielmals nur um den Islam geht. In der Berichterstattung wird das Böse gern und häufig in Verbindung mit dem Islam in Verbindung gesetzt. In Deutschland wurde gerade seitens des Generalsekretärs der konervativen CSU wieder gefordert, dass Medien über Herkunft und religiösen Hintergrund der Täter zu berichten haben. Wobei Herr Scheuer sicherlich gerne darüber hinweg sehen wird, wenn bei gefühlt 95 % der Berichten die Angabe „deutscher Christ“ vergessen wird, solange die muslimische Täterschaft erkennbar deklariert wird. Soweit die Mutmaßung.

Deshalb scheint es kaum verwunderlich, dass Amir (Benedikt Greiner), der Protagonist in Ayad Akthars Stück seine religiöse Herkunft möglichst hinter sich lassen möchte. Er hat sogar seinen Nachnamen geändert und gibt als Herkunftsland seiner Familie Indien an, obwohl sein Herkunftsort im heutigen Pakistan liegt. Sein Vater sei jedenfalls noch vor der Neuaufteilung der ehemals britischen Kolonie im damaligen Indien geboren, so seine Argumentation. Er ist der festen Überzeugung, dass all dies notwendig sei um Anerkennung und Erfolg in unserer Gesellschaft zu erlangen. Denn mit muslimischem Hintergrund ist dies nicht so einfach. Der strukturelle Rassismus lässt grüßen. Amir hat dies erkannt und sich angepasst.

(c) Lupi Spuma, Schauspielhaus Graz

(c) Lupi Spuma, Schauspielhaus Graz

Zu seinem Unbehagen befasst sich seine Frau Emily jedoch stark mit dem Islam und glorifiziert diesen in seinen Augen durch ihre Kunst. Ihr Kurator ist zudem jüdisch und mit einer ‚Schwarzen‘ verheiratet, die nicht nur zufällig Amirs Arbeitskollegin ist, ihm sogar die erhoffte Teilhaberschaft an der Kanzlei streitig macht. Und so entwickelt sich eine Paarbeziehung, die verstrickter kaum sein kann, bis die Bombe platzt. Eine Information und ein Vorurteil nach dem anderen lassen die Wut in Amir aufsteigen, bis er erkennt, dass all sein Verstellen und Verheimlichen ihm nicht zum erhofften Erfolg führen. Amir wird zu dem Außenseiter, der er nie sein wollte. Er verkörpert den in seinen Augen brutalen Islam bis ins Mark und prügelt seine Frau fast zu Tode, während sein langjähriger Freund Abe sich zunehmend radikalisiert.

Und zum Schluss stellt sich einem die Frage: Wandelt sich Amir derart, weil er Muslim ist? Die Antwort kann nur ein klares und lautes „NEIN!“ sein. Er erlebt den strukturellen Rassismus unserer Gesellschaft. Er erlebt, wie seine Sorgen zudem nicht ernstgenommen werden. Er erlebt zudem, dass seine Frau ihn hintergangen hat. Und letztendlich erlebt er, wie sogar die schwarze Frau eines Juden ihm seinen Traumjob entreisst, obwohl er in seinen Augen viel härter und länger dafür gearbeitet hat. All dies lässt den längst schon brodelnden Vulkan zum Ausbruch bringen. Und dieser Vulkan ist nicht Muslim, dieser Vulkan ist Mensch.

Für das von Ayad Akhtar verfasste Stück erhielt Akhtar 2013 den Pulitzer-Preis für Dramaturgie. Dies in Verbindung mit der rastlosen und abstrahierten Inszenierung Volker Hesses und den großartigen Videoprojektionen ist ein Garant für einen großartigen Theaterabend!

 

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Geächtet läuft seit diesem Monat im Haus EINS des Schauspielhaus Graz. Weitere Informationen zu Stück, Terminen und Tickets erhaltet Ihr unter www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/geaechtet

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Do not Cross the YELLOW LINE

Eine Kuh, die vom Himmel fällt. Ein lybischer Schiffbrücher, der von Frontex aufgegriffen kein Asyl in Europa will, sondern die Rückführung in die Heimat. Ein pauschalurlaubender Protestkünstler, ein Programm zur Optimierung von Milchleistung und Herdenmanagement. Und mittendrin der Irrglaube an die Freiheit. Jan Stephan Schmieding hat sich Juli Zehs und Charlotte Roos‘ verstörend komischer Geschichte über Flucht, Aktionismus, Freiheit und Sehnsucht angenommen.

(c) Lupi Spuma

(c) Lupi Spuma

Der Kuh, die stellvertretend für die Ökonomisierung des Individuums steht, gelingt vermeintlich, was vielen von uns nicht mehr zu gelingen scheint: Flucht aus dem hier und jetzt, aus den Zwängen unserer Zeit. Tagelang genießt sie die Freiheit, bis sie wieder gestellt wird. Um Individuen wieder in die Gesellschaft von Funktionieren und Produzieren zurückzuführen, werden ethisch zweifelhafte Methoden angewandt. Uns wird misstraut, sobald wir angeben glücklich zu sein. Uns wird misstraut, sobald wir Regeln in Frage stellen. Ob es nun der Rhythmus des Pauschalurlaubs (Fressen, Pool, Fressen, Pool, Fressen, Saufen) ist oder das übertreten einer gelben Linie, die auf den Boden gezeichnet ist. Warum respektieren wir auf den Boden gemalte Linien als Autorität? Warum gefällt es uns in einem Urlaubsresort in Entwicklungsländern eingesperrt zu sein, damit wir uns um nichts Gedanken machen müssen? Wo doch gerade hier das Denken einsetzen sollte! Wir verkaufen uns und unsere Werte und Errungenschaften. Aus Bequemlichkeit. Und geben der Illusion nach, dass wir hierbei an Luxus gewinnen. Aber verlieren wir nicht viel mehr?

Insgesamt ein Stück, dass zum Nachdenken anregt und welches hervorragend inszeniert ist. Wobei man fragen darf und muss, warum in gefühlt jedem dritten Stück Schauspieler*innen ihre Oberkörper entblößen müssen. Notwendig war es Falle von Vera Bommer jedenfalls nicht.

Weitere Informationen zu Besetzung und Terminen auf den Seiten des Schauspielhauses: www.schauspielhaus-graz.com

Betrunkene sagen die Wahrheit

Das Schauspielhaus wurde erobert. Und dann noch von Betrunkenen! Sie allesamt eint – neben der extremen Trunkenheit – der Drang etwas Bedrückendes loszuwerden. Ob die Partnerin oder den besten Freund verletztend, ob es die große Sehnsucht nach Liebe oder nach der verstorbenen Mutter ist, im Rausch kommt alles ans Tageslicht. Die Ehrlichkeit siegt!

Die sieben Schauspieler*innen, allesamt mit Doppelrollen im Stück, bewegen sich famos torkelnd und sinnierend auf der frei schwingenden Bühne. Das Bühnenbild von Wolfgang Menardi wirkt karg und fragil. Teilweise zerstört, wie die Charaktere am Abgrund der Nacht im Regen stehen gelassen und fügt sich dementsprechend genial in das Stück ein. Es kommt zu Stürzen und Wutausbrüchen (wobei Werner Strengers Tritt gegen die Holzverkleidung der Bühne wohl ein unplanmäßiges Loch hinterließ), man kennt den Rausch und die Kräfte, die er freisetzt.

BETRUNKENE Tamara Semzov, Werner Strenger (c) Lupi Spuma

BETRUNKENE Tamara Semzov, Werner Strenger (c) Lupi Spuma

Verflossene Liebe taucht wieder auf, das Knutschen mit der Ex. Nichts realitätsfernes, und doch kulminiert in diesem Stück sehr viel Trunkenheit auf einer Bühne. Dem Publikum wird zur weiteren Unterhaltung Vodka gereicht, es herrscht eine aufgelockerte Stimmung. Wir lachen mit und über die Betrunkenen, wir stellen uns auf eine Ebene über sie. Aber dürfen wir das?

Uns wird vorgeführt, wie albern wir in der Trunkenheit agieren, aber auch wie ehrlich. Der Mensch ist Mensch, wenn er betrunken ist. Das Spiel ist vorbei.