Das Leben ist eine Autobahn

Der Weg scheint vorgegeben. Meter um Meter, Stück für Stück. Annähernd aussichtslos geht es weiter im gleichen Trott. Asphalt markiert den Weg. Doch da, ein Unfall! Und die Straße ist übersäht mit Dosenfleisch. Ferdinand Schmalz‘ Stück wäre ein guter Roadmovie. Aus der ungewohnten Perspektive der Straße und nicht aus der Perspektive einer Protagonistin bzw. eines Protagonisten.

Was soll das Schicksal sich bei mir schon holen?
– Rolf

Wir befinden uns an einer Raststätte irgendwo im Nirgendwo. Viel gibt es hier nicht zu sehen, jedoch kracht es in Sichtweite zur Raststätte regelmäßig und mit voller Wucht. Hier stranden Fernfahrer und der pedantische Versicherungsvertreter Rolf. Voller Faszination möchte er dabei sein, wenn es das nächste mal zu einem Unfall kommt. Sein Job treibt ihn an, die Ursachen für die Unfälle an der immer gleichen Stelle zu verstehen. Er ist nahezu besessen von diesem Ort.

(c) Lupi Spuma

(c) Lupi Spuma

Betrieben wird die Raststätte von Beate, deren Geburtsthaus der Autobahn geopfert wurde. Ihr gesamtes Leben dreht sich nur um die Autobahn. Und dann ist da noch Jayne, die immer wieder von ihrem Sportcoupé berichtet. Dass sie fahren möchte, einfach raus von hier. Das Gaspedal bis zum Bodenblech durchgetreten und los. Doch sie bleibt und umgarnt immer wieder den Versicherungsvertreter. Was hat er vor? Was hat sie vor? Was verbindet die beiden Frauen?

Eine durchgehend biedere Kostümierung lässt die Darstellerinnen und Darsteller die Tristesse der Raststätte unterstreichen. Die das Bühnenbild unterteilenden Lamellenvorhänge setzen diesem speziellen Charme die Krone auf. Untermalt wird dies zudem durch die Livemusik der Fernfahrer und deren Gespräche. Dadurch unscheibar zieht sich ganz langsam und dennoch kräftig die Schlinge zu und das Stück mündet in einer unerwarteten Wendung…

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Dosenfleisch ist noch am 16. und 24.6. im Schauspielhaus zu sehen und erfährt in der kommenden Spielzeit im Oktober eine Wiederaufnahme. Weitere Informationen sind der Homepage des Schauspielhauses Graz zu entnehmen.

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Frequenzen

In der Verwirrung liegt die Kraft. Über drei Stunden werden im Schauspielhaus Motive aus dem 700 Seiten Wälzer „Die Frequenzen“ des gebürtigen Grazers Clemens J. Setz auf die Bühne gebracht. Die Geschichte des Alexander Kerfuchs wird nach und nach aufgerollt. Technisch aufwändige Live-Einspielungen geben zeitversetzte handlungsstränge auf dem Second Screen wieder. Ein audiovisuelles Erlebnis erster Güte – und es hinterlässt doch Fragen.

© Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz

© Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz

Alexander (Im Jetzt: Clemens Maria Riegler / In der Vergangenheit: Felix Ostanek) ist auf den ersten Blick ein komischer Kauz. Unentschlossen in der Liebe und ein Freund großer Momente, bandelt er mit der Therapeutin Valerie an. Dass diese von Evamaria Salcher gespielt wird, die zudem seine Mutter spielt, lässt schon auf ein besonderes Verhältnis zwischen Mutter, Sohn und Liebschaft hindeuten. Mutter und Sohn wurden vom Vater verlassen, vom Vater beim Anschieben des Wagens (ein wunderschöner gelber Fiat 126) auf dem Weg in den Winterurlaub, nachdem dieser im Schnee stecken geblieben ist. Ein einschneidendes Erlebnis. Alexander macht sich Gedanken: Wurde der Vater entführt? Wollte er wirklich seine Familie im Stich lassen? Eine große Phantasie entsteht in seinem Kopf und wird ihn auf ewig begleiten.

Alexanders Geschichte gegenüber steht diejenige seines Jugendfreundes Walter. Auch dieser hat ein spezielles Verhältnis zu seinem Vater, einem angesehenen Architekten. Dem Druck stets mit diesem gemessen zu werden scheint Walter nicht gewachsen. Jegliche Förderung prallt an Walter ab. Er soll als Kosmopolit erzogen werden, er soll in die Fußstapfen seines Vaters treten. Er wird an jeglich erdenklichem Zeitpunkt seines Lebens mit den Vorschlägen seines Vaters überfordert. Als gescheiterter Schauspieler landet er in Valeries Therapie. Das Unheil nimmt seinen endgültigen Lauf.

Zwei verkorkste Familien, deren Vaterfiguren scheinbar die gesamte Handlung der Protagonisten beeinflussen, zwischenmenschliche Beziehungen, Hindernisse und Missverständnisse. Dazu wahrhaft wunderbare Retrospektiven mit einem Jugenddarsteller und Parallelhandlungen auf dem Second Screen. „Frequenzen“ bietet einen spannenden Theaterabend, kann aber ohne die Lektüre des zugehörigen Romans nicht alle Handlungsstränge klären, aber das wäre vermutlich auch zu viel verlangt.

Weitere Informationen zu Spielterminen und Kartenkaufen sind auf der Homepage des Schauspielhaus Graz zu finden.

Willkommen im Warteraum Zukunft

Ein wirklich beschissener Tag im Leben des Daniel Puttkamer. In diesem Satz steckt die Kurzzusammenfassung des Stücks aus der Feder von Oliver Kluck, welches unter Jan Stephan Schmieding mit Nico Link in der Hauptrolle und Ralph Püttmann in verschiedenen Nebenrollen ins Haus Zwei gebracht wurde.

WARTERAUM ZUKUNFT Ralph Püttmann, Nico Link (c) Lupi Spuma

WARTERAUM ZUKUNFT Ralph Püttmann, Nico Link (c) Lupi Spuma

Und doch, es steckt sehr viel mehr Bekanntes aus dem persönlichen Alltag im Stück, als man zu glauben vermag. Miese Arbeitszeiten und eine grausame Anfahrt zur Arbeit, die durch schlechtes Lokalradio unterhaltsam gemacht werden soll. Überhöhte Ansprüche seitens der Eltern. Als unfähig oder sozial inkompetent empfundene Kollegen. Ein miesepetriger Chef. Monotones Kantinenessen. Kaum Privatleben. Kein Glück in der Liebe. Neid gegenüber Freunden, die die Treppe hochgestolpert sind. Kein Sex. Neid gegenüber gutaussehenden Kolleginnen, da diese beim Chef bevorzugt behandelt werden. Es läuft so einiges falsch in Puttkamers Leben.

Doch dann die Beförderung. Sozialer Aufstieg und Anerkennung! Halt, doch nicht. Die Beförderung entpuppt sich als Versetzung nach Rumänien. Wie beschissen kann dieser Tag noch werden? Vorweg: Sehr beschissen. Wie genau? Das erfährt man am besten selbst in diesem Stück, welches durchaus als eine Widmung an die Generation Y anzusehen ist und sich mitten im Warteraum Zukunft befindet.

Die nächsten Termine finden sich auf der Homepage des Schauspielhauses. Bis dahin ist mit dem Trailer auf Youtube Vorlieb zu nehmen.